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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Kärnten schlägt Olympia"

Ausgabe vom 27. Juli 2012

Wien (OTS) - Wie anders Österreich wirklich ist, wird einem erst
bewusst, wenn man versucht, dieses Land einem Fremden zu erklären.
Nicht bloß die Oberfläche, sondern auch die Tiefenstrukturen, wo
vieles mit vielem zusammenhängt und sich jene Netzwerke offenbaren,
die den realen Vorgängen erst ihre Logik verleihen.

Eigentlich müsste ja heute Olympia in London das Thema sein. Etwa,
warum die überbordenden Sicherheitsvorkehrungen einen erschreckenden
Blick auf die Zukunft unseres künftigen Alltags ermöglichen; oder die
uralte Geschichte, wie die Sehnsucht nach Ruhm durch das Streben nach
Gold den Spielen ihre Aura raubte.

Aber nach den Ereignissen in Kärnten kann man nur schwer einfach zur
Tagesordnung übergehen. Als am Mittwoch Josef Martinz - und zuvor
schon Steuerberater Dietrich Birnbacher - zum Geständnis ansetzte,
war dies einer jener raren Momente in der Geschichte der Republik, in
denen sich die Politik selbst entblößte. Nicht irgendwo, sei es in
privater Runde oder sonstwo hinter verschlossenen Türen, sondern vor
aller Augen, in einem Gerichtssaal dieser Republik.

Man muss das so pathetisch sagen, anders würde man diesem Moment
nicht gerecht. Und Pathos ist notwendig, um das Kleinbürgerliche
bloßzustellen, das unmittelbar nach dem Martinz'schen Offenbarungseid
wieder die Oberhand zu gewinnen droht.

In Kärnten geht es nicht um die Verfehlungen einzelner Personen oder
Parteien - ein ganzes System hat letalen Schiffbruch erlitten. In so
einer Situation gebietet es vielleicht kein Gesetz und schon gar
nicht die stets opportunistische Vernunft, Neuwahlen anzusetzen, sehr
wohl aber ein fiktiver Ehrenkodex der Demokratie. Dem 2009 gewählten
Landtag ist sein moralisches Fundament abhandengekommen, auf dem er
seine politische Legitimation errichtet hat.

Das Gleiche gilt im Übrigen, auch wenn er es nicht hören will, für
den Landeshauptmann. Es sei denn, man will die Bevölkerung mit ins
morsche Boot holen, etwa nach dem Motto: Ihr habt alle - sagen wir:
fast alle - mitgemacht, keine Fragen gestellt und die Augen vor der
schmutzigen Wahrheit verschlossen.

Das wäre natürlich ein tollkühner Versuch, würdig der Erben Jörg
Haiders. Und fast schon wieder von erschreckender logischer
Konsequenz. Weil es nämlich auch nicht ganz falsch ist.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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