Eine Initiative, die Erfolg verdient / Leitartikel von Jochim Stoltenberg

Berlin (ots) - Europa einmal anders: In diesem Fall geht es nicht schon wieder um Geld, Schulden oder Vertragsbruch, sondern um Menschen, vornehmlich um beschäftigungslose Jugendliche. Angesichts der dramatisch hohen Arbeitslosigkeit junger Menschen in Spanien -fast 50 Prozent sind erwerbslos - arbeitet Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) an dem Plan, junge Spanier als Auszubildende nach Deutschland zu holen. Das könnte zu einer Win-win-Situation führen, weil in Deutschland wiederum Fachkräfte - und auch Lehrlinge - fehlen. Ein lohnens- und zugleich lobenswerter Versuch also, den die deutsche Bildungsministerin startet. Und zugleich ein Exempel dafür, dass die Idee vom gemeinsamen Europa mehr ist als das finanzielle Aushalten überschuldeter Partnerländer und die Rettung bankrotter Banken. Diesmal stehen recht konkret Zukunftschancen für junge Menschen im Zentrum der Überlegungen und damit das große überwölbende Ziel der Europäischen Gemeinschaft: Das Zusammenwachsen des Kontinents, damit verbunden die kontinuierliche Verbesserung der Lebensverhältnisse über Grenzen hinweg. Doch leider ist diese wunderbare Idee - wie so viele andere in Europa - kein Selbstläufer. Auf dem Weg zum Erfolg stehen viele Hürden. Da muss vor allem das Interesse junger Spanier gegeben sein, sich fern der Familie in Deutschland ausbilden zu lassen. Ein Grundverständnis der deutschen Sprache ist unabdingbar, ebenso wie ein gewisses Bildungsniveau. Auch Letzteres ein Hindernis, weil viele arbeitslose Jugendliche in Spanien frühe Schulabbrecher sind. Eine schnelle Lösung der Jugendarbeitslosigkeit in Spanien ist auch dann nicht zu erwarten, wenn dort nach deutschem Vorbild das duale Ausbildungssystem eingeführt wird, wie es die Bundesbildungsministerin Schavan am Donnerstag mit ihrem Madrider Kollegen vereinbart hat. Auch in der Bundesrepublik suchen noch viele junge Deutsche einen Ausbildungsplatz. Mutige neue Wege zu denken und zu wagen ist aber allemal besser, als eine ganze Generation junger Menschen ihrer Zukunftschance zu berauben. In diesem Zusammenhang ist allerdings nicht allein die Politik gefragt, auch die Wirtschaft, die in manchen Bereichen schon händeringend Auszubildende sucht. Die Unternehmen müssen sich, meinen sie es ernst mit dem Nachwuchs aus Spanien, dessen Kommen etwas kosten lassen. Weil das Lehrlingsgehalt in Höhe von rund 600 Euro pro Monat nicht reicht, stehen mindestens Zuschüsse für Sprachunterricht und Unterkunft an. Zu Recht warnt die Bundesagentur für Arbeit vor zu hohen Erwartungen. Ministerin Schavan hat denn auch nicht mehr, aber auch nicht weniger als eine Initiative angestoßen, der Erfolg zu wünschen ist. Ein schneller wird es ohnehin nicht. Warten wir einfach mal das Ergebnis ab - verbunden mit viel Hoffnung. Und vergessen wir dabei bitte nicht, dass es auch in Deutschland noch ein beträchtliches Potenzial Jugendlicher gibt, die für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden müssen.

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