"Kleine Zeitung" Kommentar: "Was Österreich von den Winzern lernen sollte" (von Frido Hütter)

Ausgabe vom 13.07.2012

Graz (OTS) - In vino veritas heißt es bei Tacitus. Dass im
Wein die Wahrheit liege, hatte schon 500 Jahre vor ihm Alkaios von Lesbos formuliert. Beide dürften gemeint haben, dass der im Wein befindliche Alkohol die Zunge lockert. Aber am Beispiel des österreichischen Weines ist eine noch ganz andere Wahrheit zu finden. Sie lautet: Qualität setzt sich durch und generiert neue Qualitäten.

Das beste Anschauungsbild gibt dabei der steirische Weinbau ab. Während Wachau und Burgenland schon vor dem legendären Skandal 1985 einen gewissen Ruf hatten, galt der steirische Wein als Nassfutter von eher unerheblicher Güte.

Obgleich die steirischen Winzer eher Randfiguren der damals aufgedeckten Großpanscherei waren, unterlagen sie auch Boykott und Absatzkrise. Aber diese erwiesen sich als heilsame Katharsis. Weg vom Billigberger im Doppelliter, hin zu eher höherpreisigen Weinen der feineren Machart.

Ein neuer Markt war geboren. Heute kratzen steirische Spitzenkreszenzen schon im Erstausgabejahr an der 50-Euro-Marke, Raritäten aus Niederösterreich und dem Burgenland wurden bei Ebay schon um weit über 400 Euro gesichtet. Aber auch zu zivilen Preisen gibt es Qualität.

Dazu kommen weitere Wertschöpfungen: Die Immobilienpreise in der ehedem billigen Südsteiermark sind auf Höhenflug, Beherbergungsbetriebe jeglicher Kategorie entstanden, fast wöchentlich kommen neue Gourmandisen dazu.

Die Winzer haben etwas geschaffen, das ein Beispiel für die gesamte österreichische Landwirtschaft sein könnte: Klasse statt Masse.

Ein Land, das über Alpenwasser und einen ökologisch exzellenten Ruf verfügt, darf sich nicht an (besonders krisenanfälliger) Massenware vertrödeln, die kann man importieren. Exzellenz ist das Gebot der Stunde.

Warum haben wir kein Hendl, das dem Bressehuhn gleichkommt? Warum kein Schwein, das es mit dem iberischen Pata negra aufnehmen kann? Warum stehen so wenige Rinder auf Weiden statt im Stall? Und warum schwemmen wir Hektoliter des oben erwähnten Alpenwassers durch die Toiletten, statt es in den Emiraten zu vermarkten?

Weil wir noch zu wenig Sinn für Exzellenz haben, und weil Politik und Kammern kläglich versagen. Es gibt zwar immer mehr Produzenten (Vulcano, Johannschinken, Sulmtaler, Mangalitza, Alpenlachs etc.), die mit Mut und Fantasie fabelhafte Produkte erzeugen. Aber die werden kaum gefördert, sondern müssen schon froh sein, wenn sie von offizieller Seite wenigstens nicht behindert werden.****

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