"KURIER"-Kommentar von Helmut Brandstätter: "Brauchen S' a Rechnung? Eine Lebensform"

Der kleine Betrug an großen Institutionen häuft sich. Ohne schlechtes Gewissen.

Wien (OTS) - Auf die KURIER-Geschichte über den Betrug an unserem Sozialsystem durch Hausärzte, die gesunde Patienten krankschreiben, haben wir viele Reaktionen bekommen. Neben Kritik an dieser Praxis gab es auch ganz andere Meinungen: Die Krankenkassen sollen doch bei "ihren Bonzen sparen". Die normalen Leute müssten sich "gegen das System wehren". Was heißt das? Wer sich ungerecht behandelt fühlt, darf sich an der Gemeinschaft rächen?
Auch wenn es ein wenig pathetisch klingt: Dieses Land wurde nach dem 2. Weltkrieg mit viel Kraft, Fleiß und Intelligenz zu einer reichen Gesellschaft aufgebaut. Im Gegensatz zur nationalen Verlorenheit nach dem 1. Weltkrieg bildete sich parallel zum Wohlstand eine starke Identifikation mit der Idee Österreich. Viele Einrichtungen des Staates, von der Sozialpartnerschaft bis zum Sozialversicherungssystem, beruhen auf dem Prinzip der Solidarität. Dass reichere Gesellschaften weniger solidarisch sind als ärmere, ist nichts Neues. Bei uns kommt dazu, dass sich immer mehr Menschen ungerecht behandelt fühlen. Vom Chef, vom Finanzamt, von Brüssel. Und einige Berühmtheiten haben den Staat ja auch ordentlich abgezockt. Wenn man also eine gesichtslose Institution reinlegt, kommt kein schlechtes Gewissen auf.
Die Politik hat sich in allen Bereichen von den Wählern entfernt. Im Wiener Rathaus werden Parkpickerlverordnungen geschrieben, die die Mehrheit nicht will, in Brüssel werden Milliarden verteilt, die keiner hat - und am Ende zahlen wir. Wo man also ein Schlupfloch findet, wird es genutzt, egal, ob beim Hausarzt oder bei der Mehrwertsteuer. Brauchen S' a Rechnung? Nein, danke. Irgendwer wird am Ende schon zahlen.

Rückfragen & Kontakt:

KURIER, Chefredaktion
Tel.: (01) 52 100/2601

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKU0002