• 04.07.2012, 18:15:31
  • /
  • OTS0232 OTW0232

WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Stichwort Stronach: Tempi passati! - von Esther Mitterstieler

Und wieder haben wir eine unschöne Dolchstoßlegende

Wien (OTS) - Es mag erstaunlich sein, dass eine Wirtschaftszeitung
nicht für eine neue wirtschaftsorientierte Partei eintritt.
Spätestens seit der traurigen Vorstellung von Frank Stronach in der
ZIB2 am Dienstag kann es keine Zweifel mehr geben: Dieses Land
braucht keine neue Partei, sondern einen anderen Zugang zur Politik.
Dass Herr Stronach allen Ernstes glaubt, er oder sein langjähriger
Mitstreiter in der Magna, Sigi Wolf, würden ihrer Heimat dienen, die
anderen Politiker aber lediglich am Land verdienen, zeugt von einer
unfassbaren Respektlosigkeit gegenüber demokratischen Institutionen
wie Personen. Wirtschaft kann sich nur entwickeln, wenn die Politik
die richtigen Rahmenbedingungen setzt. Kritik an der Politik kommt
von unserer Seite nur zu oft, wenn es etwa um Standortfragen geht.

Eine solch wüste Beschimpfung, wie sie Herr Stronach im Namen der
Wahrheit abgegeben hat, nützt ihm selbst am allerwenigsten. Besonders
erstaunlich und nicht nachvollziehbar ist sein Verständnis, was ein
Diener des Staates können muss: Er selbst sei "sehr unabhängig", weil
er sein eigenes Geld einsetzen möchte, um dem Volk die Wahrheit zu
sagen. Der Eurorettungsschirm ESM soll also dem Volk als Enteignung
desselben verkauft werden. Und wieder haben wir eine unschöne
Dolchstoßlegende. Wirtschaft ohne Verständnis für Demokratie kann
langfristig nicht zu allgemeinem Wohlstand führen und in unserem
Interesse sein.

Erinnern wir uns an Silvio Berlusconi. Ein Unternehmer kann viele
Jobs schaffen und für Wohlstand sorgen, muss deswegen aber noch lange
nicht ein guter Staats- oder Regierungschef sein. 1993 gründete
Berlusconi seine Partei Forza Italia und nahm den Italienern sogar
die klassischen Anfeuerungsrufe im Fußballstadion. Das war eine erste
kleine Volksenteignung, um bei der Vokabel des Herrn Stronach zu
bleiben. 1994 war Berlusconi zum ersten Mal Regierungschef und ließ
ein neues Mediengesetz durchwinken, das seinen privaten
Mediaset-Sendern immense Vorteile bescherte. Gleichzeitig nutzte er
die Sender, um sich ins rechte Licht zu rücken. Sein Beispiel zeigt:
Nur weil jemand ein guter Unternehmer ist, muss er noch lange kein
guter Staatsmann sein. Stronachs Auftritt zeigt deutlich: Die Zeiten
der Patriarchen, die anschaffen und entscheiden, was die Wahrheit
ist, sind vorbei: Tempi passati!

In Rankings liegt Österreich unter den ersten drei reichsten Ländern
in Europa. Anstatt immer nur das Haar in der Suppe zu suchen, sollten
wir uns alle anstrengen, unseren Beitrag dazu zu leisten, dass wir
vorne bleiben. Das ist doch ein schönes Ziel.

Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWB

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel