WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Stichwort Stronach: Tempi passati! - von Esther Mitterstieler

Und wieder haben wir eine unschöne Dolchstoßlegende

Wien (OTS) - Es mag erstaunlich sein, dass eine Wirtschaftszeitung nicht für eine neue wirtschaftsorientierte Partei eintritt. Spätestens seit der traurigen Vorstellung von Frank Stronach in der ZIB2 am Dienstag kann es keine Zweifel mehr geben: Dieses Land braucht keine neue Partei, sondern einen anderen Zugang zur Politik. Dass Herr Stronach allen Ernstes glaubt, er oder sein langjähriger Mitstreiter in der Magna, Sigi Wolf, würden ihrer Heimat dienen, die anderen Politiker aber lediglich am Land verdienen, zeugt von einer unfassbaren Respektlosigkeit gegenüber demokratischen Institutionen wie Personen. Wirtschaft kann sich nur entwickeln, wenn die Politik die richtigen Rahmenbedingungen setzt. Kritik an der Politik kommt von unserer Seite nur zu oft, wenn es etwa um Standortfragen geht.

Eine solch wüste Beschimpfung, wie sie Herr Stronach im Namen der Wahrheit abgegeben hat, nützt ihm selbst am allerwenigsten. Besonders erstaunlich und nicht nachvollziehbar ist sein Verständnis, was ein Diener des Staates können muss: Er selbst sei "sehr unabhängig", weil er sein eigenes Geld einsetzen möchte, um dem Volk die Wahrheit zu sagen. Der Eurorettungsschirm ESM soll also dem Volk als Enteignung desselben verkauft werden. Und wieder haben wir eine unschöne Dolchstoßlegende. Wirtschaft ohne Verständnis für Demokratie kann langfristig nicht zu allgemeinem Wohlstand führen und in unserem Interesse sein.

Erinnern wir uns an Silvio Berlusconi. Ein Unternehmer kann viele Jobs schaffen und für Wohlstand sorgen, muss deswegen aber noch lange nicht ein guter Staats- oder Regierungschef sein. 1993 gründete Berlusconi seine Partei Forza Italia und nahm den Italienern sogar die klassischen Anfeuerungsrufe im Fußballstadion. Das war eine erste kleine Volksenteignung, um bei der Vokabel des Herrn Stronach zu bleiben. 1994 war Berlusconi zum ersten Mal Regierungschef und ließ ein neues Mediengesetz durchwinken, das seinen privaten Mediaset-Sendern immense Vorteile bescherte. Gleichzeitig nutzte er die Sender, um sich ins rechte Licht zu rücken. Sein Beispiel zeigt:
Nur weil jemand ein guter Unternehmer ist, muss er noch lange kein guter Staatsmann sein. Stronachs Auftritt zeigt deutlich: Die Zeiten der Patriarchen, die anschaffen und entscheiden, was die Wahrheit ist, sind vorbei: Tempi passati!

In Rankings liegt Österreich unter den ersten drei reichsten Ländern in Europa. Anstatt immer nur das Haar in der Suppe zu suchen, sollten wir uns alle anstrengen, unseren Beitrag dazu zu leisten, dass wir vorne bleiben. Das ist doch ein schönes Ziel.

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