• 27.06.2012, 19:47:16
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die schweigenden Eliten und die Angst der Bürger" (von Thomas Götz)

Ausgabe vom 28.06.2012

Graz (OTS) - Es sind stürmische Tage für Europa.
Hiobsbotschaften wechseln ab mit Beschwichtigung. Selten waren
Experten so uneins über Wirkung und Nebenwirkung von rettenden
Maßnahmen.

In solchen Lagen wuchert die Angst. Angst vor Verlust von Wohlstand
und Kontrolle, von Arbeitsplatz und nationaler Souveränität. In
solchen Situationen wird Information zum Grundnahrungsmittel.

Was aber geschieht? Griechenland werden drastische Sparauflagen
verordnet, Regierungen stürzen, neue verschleißen sich nach wenigen
Tagen. Und wer erklärt die Lage? Die alten Eliten, die das
Schlamassel herbeiregiert haben, und neue Demagogen, die behaupten,
es ginge auch schmerzfrei. Von den Herrschaften, die die Kur
verordnet haben, zeigt sich keiner im Land: José Manuel Barroso
meidet Griechenland ebenso wie Jean-Claude Juncker, der Chef der
Euro-Zone und Hüter der Währung.

Bei uns ist es wenig besser. Die Finanzministerin haspelt im
Parlament übellaunig ihre Antworten auf kritische Fragen der
Opposition herunter. Um sie zu verstehen, hätte sie auch die Frage
vorlesen müssen. Die Jugendlichen auf der Galerie können kein Wort
verstanden haben. Für die meisten Abgeordneten gilt wohl dasselbe.
Und wieder ist eine Chance vergeben, vor Publikum und im Fernsehen
für schwierige Entscheidungen zu werben.

Europa steht an einem Wendepunkt, darüber herrscht Einigkeit. Und
trotzdem erklärt kaum eine der handelnden Personen den Menschen, was
da vor sich geht. Niemand erläutert, welche Entscheidung warum die
bessere wäre als eine andere. Der Begriff "Alternativlosigkeit" ist
zum Unwort verkommen, das nichts erklärt.

Oft ist Europa als Elitenprojekt geschmäht worden, weil nur ein paar
wenige visionäre Politiker die Einigung vorantrieben. Das müsse sich
ändern. Passiert ist das Gegenteil. Die Eliten ziehen sich tiefer in
ihren Turm zurück und überlassen die Kommunikation anderen.

Das ist ein verheerendes Versäumnis. Es schürt das Misstrauen
gegenüber dem Einigungsprozess und öffnet Demagogie Tür und Tor.

Wenn Firmen ihre Strategie wechseln oder auch nur das Logo ändern,
stehen riesige Etats fürs Marketing zur Verfügung. Der Kunde muss
erfahren, was neu ist, sonst funktioniert der Umbau nicht. Diese
Binsenweisheit gilt natürlich auch für die Politik. Wer Geld und
Souveränität von Nationen gegen mehr gemeinsame Verantwortung
tauschen will, muss sagen, warum das besser sein soll. Sonst fliegen
ihm die Trümmer um die Ohren.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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