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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Der Europa-Politiker"
Ausgabe vom 27. Juni 2012
Wien (OTS) - Politiker vom Format Wolfgang Schäubles gibt es in
Europa wenige. Jean-Claude Juncker vielleicht noch, aber Luxemburg
tut sich eindeutig leichter als Deutschland. Der deutsche
Finanzminister ist als Politiker von einer Erkenntnisfähigkeit, die
bewundernswert ist.
Wäre Schäuble Regierungschef, so die These des Leitartikels, wäre
Europa auf dem Weg zur politischen Union mindestens ein Jahr weiter.
Schäuble ist damit ein Barometer: Würde er aufhören, wäre es mit dem
Euro vorbei. Und dann hätten die mit Scheuklappen ausgestatteten
deutschen Bundesbanker freie Fahrt. Jedes Fiakerpferd in Wien hat
einen weiteren Horizont als die Falken in der Wilhelm-Epstein-Straße
in Frankfurt. Dort sitzen allerdings - Unabhängigkeit hin oder her -
von Kanzlerin Angela Merkel entsandte Berater.
Schon rund um die Einführung des Euro fand Bundeskanzler Wolfgang
Schüssel für Wiener Begriffe endgültige Worte für den damaligen Chef
der Deutschen Bundesbank. Der später von der Bundesbank entsandte
Chefökonom Jürgen Stark trieb - mit deutscher Macht im Hintergrund -
die Europäische Zentralbank mitten in der Krise (bis 2011) in
sinnlose Zinserhöhungen. Ende 2011 trat Stark beleidigt zurück. Dass
er Europa und jeden seiner Bürger Milliarden gekostet hat, kratzt ihn
nicht.
Wenn Deutschland die Hegemonialmacht Europas ist und die dortige
Zentralbank den Kurs bestimmt, endet das irgendwann in einem Crash.
Schäuble hat das erkannt, früh erkannt. Er treibt bei den
einflussreichen EU-Finanzministertreffen voran, was Merkel beim
EU-Gipfel so eigentlich nicht haben wollte - mit großem Geschick und
der Hilfe von Freunden wie dem Luxemburger Ministerpräsidenten
Juncker. Schäuble hält die Dogmatiker der Bundesbank in Schach, was
im EZB-Rat allen anderen Mitgliedern, egal ob aus Österreich oder
Italien, das Leben leichter macht.
Wenn am Stammtisch im Innviertel geschimpft wird, dass die Griechen
oder Zyprioten ihren Pallawatsch alleine lösen sollen, dann steht
Schäuble für das gegenüberliegende Ende dieser Debatte. Es ist Europa
zu wünschen, dass sich Schäuble am Ende durchsetzt. Alles andere
können wir uns nämlich schlicht und ergreifend nicht leisten - und
die Konsequenzen daraus würde auch der Stammtisch im Innviertel nicht
tragen wollen.
www.wienerzeitung.at/leitartikel
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