• 22.06.2012, 20:41:33
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Grautöne, Marktkommentar von Georg Blaha

Frankfurt (ots) - Immer noch ist Euro-Krise, und wieder einmal steht
ein Rettungsgipfel für die Währungsunion an. Am kommenden Donnerstag
und Freitag tagen die europäischen Staats- und Regierungschefs in
Brüssel. Zwei Tage scheinen recht kurz für die Fülle an Themen und
Problemkomplexen, welche die Politik ansprechen und idealerweise
gleich lösen sollte. Ein Langfristplan für die Eurozone soll her, der
die Risiken und Ungleichgewichte des europäischen Projekts breiter
verteilen soll, die Stichworte lauten Fiskal- und Bankenunion. Auf
der Agendaliste steht auch ein sogenannter Wachstumspakt, der die
schwächelnden Volkswirtschaften in den südlichen Euro-Ländern beleben
soll. Gleichzeitig hoffen viele Akteure darauf, dass die Politik die
Bahn frei macht für kurzfristige Lösungen, die die Spannungen an den
Märkten entschärfen und die gestiegenen Bondrenditen Spaniens und
Italiens wieder einfangen. Die Mittel der Wahl lauten hierzu:
Anleihekäufe durch die Rettungsschirme EFSF und ESM und neue
Langfristtender der Europäischen Zentralbank (EZB).

Enttäuschungspotenzial

Das Enttäuschungspotenzial für die Märkte ist angesichts der Fülle an
Themen und der Tiefe der Probleme der Währungsunion groß.
Gleichzeitig sind positive Überraschungen nicht auszuschließen. Die
Marktbewegungen der zurückliegenden Woche waren recht eindeutig in
dem Sinne, dass die Anleger sich nach wie vor weit mehr auf Politik
und Zentralbanken fokussieren denn auf Konjunktur- oder andere
Fundamentaldaten. Vor der Sitzung der US-Notenbank Federal Reserve
(Fed) zur Wochenmitte legten Risiko-Assets eine beachtliche Rally
hin, die allerdings wieder in sich zusammenbrach, nachdem die Fed nur
eine Verlängerung der "Operation Twist" ankündigte, welche die Zinsen
am langen Ende senken soll, aber keine neue geldpolitische Lockerung.
Ebenso kam der Euro auf Kursstände von über 1,27 Dollar voran,
nachdem einige Anleger darauf gesetzt hatten, dass der dauerhafte
Rettungsschirm ESM pünktlich an den Start geht und bei Bedarf in den
europäischen Bondmärkten intervenieren kann. Doch mittlerweile
wackelt selbst der vom 1. auf den 9. Juli verschobene Starttermin für
den Rettungsmechanismus, nicht zuletzt, weil das
Bundesverfassungsgericht um mehr Zeit bat, das entsprechende Gesetz
zu prüfen.

Analysten und Volkswirte gehen indes davon aus, dass das EU-Treffen
noch nicht im Sinne der Märkte liefern kann. "Der Gipfel wird kaum
mehr beschließen als ein wenig wirksames Konjunkturprogramm", meint
der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer. Auch bei Goldman
Sachs hält man in Anspielung auf Chinas Weg in die Moderne auch eher
einen "Langen Marsch" für wahrscheinlich als einen "Großen Sprung
nach vorn" per Gipfelbeschluss. Krämer geht davon aus, dass sich nach
dem Treffen das bekannte Muster ergeben wird, dass Peripherieanleihen
und der Euro unter Druck geraten und die Märkte damit den
Handlungsdruck auf die Politik erhöhen werden.

Für die kommenden Sommerwochen zeichnen sich für die europäischen
Börsen trübe Perspektiven ab, nicht zuletzt wegen der schwachen
Konjunkturdaten, die in der abgelaufenen Woche in Euroland, den USA
und China veröffentlicht wurden. Doch das Bild muss differenziert
werden, noch ist aufgrund des einstweiligen Verbleibs Griechenlands
in der Eurozone ein dem "Lehman-Schock" vergleichbares Ereignis
ausgeblieben; es überwiegen eher die Grautöne denn eine völlige
Finsternis an den Märkten. So ging der Ifo-Geschäftsklimaindex am
Freitag zwar etwas mehr als erwartet zurück, doch die gegenwärtige
Beurteilung der Wirtschaftslage durch die Unternehmen hellte sich
dafür leicht auf. Spanien musste bei einer Bondauktion für
fünfjährige Papiere einen Rekordzins zahlen, doch das gebeutelte Land
hat immer noch Marktzugang. Bei den zehnjährigen Papieren des Landes
waren sogar Kursgewinne zu verzeichnen, und der Leitindex Ibex35
überraschte mit einer Rally, nachdem die Hoffnung aufkam, dass die
Bankenrettung für das Land in einem bezahlbaren Rahmen bleibt. Chinas
Wachstum hat sich abgeschwächt, doch es gibt die Hoffnung, dass die
vorgezogenen Konjunkturprogramme und die Leitzinssenkung in der
zweiten Jahreshälfte Wirkung entfalten.

Das Risiko des "grauen" Szenarios im Zusammenhang der Euro-Krise
liegt darin, dass es die EU-Entscheider verleiten könnte,
Entscheidungen hinauszuzögern sowie vereinbarte Programme mit den
verschuldeten Ländern aufzuweichen. Sollte sich dergleichen
abzeichnen - etwa wie in Italien im Sommer 2011 -, werden die Märkte
das bisher nur gedämpfte Licht schnell ganz ausschalten.

Rückfragehinweis:
Börsen-Zeitung
Redaktion

Telefon: 069--2732-0
www.boersen-zeitung.de

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