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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Hoffentlich wahnsinnig"
Ausgabe vom 22. Juni 2012
Wien (OTS) - Also doch unzurechnungsfähig. Im Prozess gegen Anders
Behring Breivik hat sich die norwegische Staatsanwaltschaft dafür
entschieden, die Einweisung des 33-jährigen Rechtsextremisten in eine
psychiatrische Einrichtung zu beantragen.
Natürlich hat die Frage "zurechnungsfähig oder nicht?" viel mit den
Besonderheiten des norwegischen Strafrechts zu tun, das keine
lebenslange Haft kennt. Im Kern geht es jedoch um die Deutungshoheit
über die Tat Breiviks.
Ein geistig gestörter Massenmörder von 77 Menschen ist schließlich
leichter zu ertragen als einer, der jahrelang gezielt und unentdeckt
einen Terrorakt vorbereitete und ausführte; und der mit diesem eine
politische Botschaft verbindet, die einer Kriegserklärung an die
bestehende Gesellschaftsordnung gleichkommt. Die Taten eines
Wahnsinnigen entziehen sich rationalen Erklärungsversuchen; ein
krankes Hirn steht ohne vernünftigen Bezug zur Gesellschaft, die
ringsherum ihren Alltag lebt.
Für den Fall der Zurechnungsfähigkeit Breiviks drängt sich dagegen
die Suche nach all jenen Ursachen auf, die möglicherweise zu dieser
Tat führten, sie zumindest begünstigten. Eine ganze Nation und ihr
Selbstverständnis als tolerante, aufgeklärte Gemeinschaft sähe sich
dabei mit bohrenden Fragen konfrontiert. Schließlich macht unser
heutiges Verständnis von Schuld nicht nur den Täter für seine Tat
alleinverantwortlich, sondern eben auch seine Familie, Nachbarn,
Freunde, Arbeitskollegen - und am Ende eben das ganze, große Wir. Das
alles fällt nun weg.
Indem die Anklage Breivik zum kranken Psychopathen erklärt, entzieht
sie auch der behaupteten politischen Botschaft des Attentats die
Grundlage. Schließlich stilisiert sich Breivik selbst als Mann mit
Mission, der nicht nur durch sein Internetpamphlet, sondern eben auch
durch seinen Massenmord eine politische Botschaft verkünden wollte.
Hinter dem Gittern der geschlossenen Psychiatrie reduziert sich das
Gerede einer Weltverschwörung auf Kosten Europas auf den Wahn eines
geisteskranken Einzelnen.
So gesehen verwundert es nicht, dass der Attentäter selbst am
vehementesten gegen die drohende Verurteilung als unzurechnungsfähig
ankämpft. Wer sich zum Terroristen berufen fühlt, will nicht als
Wahnsinniger enden.
www.wienerzeitung.at/leitartikel
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