• 20.06.2012, 18:15:31
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: In einem halben Jahr treffen wir uns wieder - von Hans Weitmayr

Für einen zweiten tiefen Atemzug wird kaum Zeit bleiben

Wien (OTS) - Es ist also wieder Bewegung in die Bekämpfung der
Eurokrise gekommen - und das auf mehreren Ebenen: So hat Griechenland
doch nicht die radikalen Sozialisten gewählt. Flugs spricht man
deshalb in ganz Europa davon - gut, in Deutschland nicht -, den
Griechen zeitlich bei der Umsetzung ihrer Reformen entgegenzukommen.
Possierlicherweise wird hier teils voller Verständnis auf die
verlorene Zeit zwischen Parlamentswahlen und unmittelbar darauf
folgenden Neuwahlen hingewiesen. Das ist insofern lustig, als die
handelnden Personen diesen Zeitverlust selbst verursacht haben. Man
hätte sich ja bereits nach der ursprünglichen Wahl auf die seit heute
Abend ausgeschnapste Regierung verständigen können. Aber sei's drum -
"Moral Hazard" ist eben schon längst kein ausschließliches Konzept
der Finanzindustrie mehr, sondern auch eine politische Einstellung
geworden.

Des Weiteren wird für den Übergangsrettungsschirm EFSF die
Möglichkeit diskutiert, der Fazilität (dafür steht das zweite "F")
den Eingriff in den Sekundärmarkt für Staatsanleihen zu gestatten.
Jetzt kann man aus Marktsicht noch auf eine neue Runde monetärer
Schleusenöffnungen durch die US-Notenbank hoffen - im Jargon
Quantitative Easing III oder schlicht QE III genannt -, und schon
kann man die Eurokrise wieder für ein paar Monate abhaken.
Dieses Szenario hat nur zwei Schwachstellen. Erstens ist es der Best
Case. Und zweitens bringt auch der Best Case keine Lösung. Denn
selbst, wenn jetzt alle Akteure an einem Strang ziehen und so eine
Beruhigung der Märkte herbeiführen sollten, heißt das noch lange
nicht, dass die so entstandene Ruhepause auch sinnvoll genützt wird.
Die Erfahrung nach dem letzten massiven EZB-Befreiungsschlag zu
Jahreswechsel hat nur dazu geführt, dass die Politik die Krise
innerhalb weniger Monate nicht ent-, sondern verschärft hat.
Besonders besorgniserregend ist, so hat ein Fitch-Analyst sehr
richtig analysiert, dass sich die jüngste Eskalationsphase
eingestellt hat, obwohl es eigentlich keinen echten Anlass gab. Dass
Griechenland politisch instabil ist, war eher kein Geheimnis,
vielmehr hätte man an Verunsicherung angesichts eines sozialistischen
Wahlsieges bei den Präsidentenwahlen in Frankreich gedacht. Das
französische Ereignis ist jedoch nicht negativ aufgenommen worden. Im
Gegenteil, die Franzosen zahlen an den Anleihenmärkten bemerkenswert
niedrige Zinsen.

Selbst wenn die Krise also das vom österreichischen Kanzler
gewünschte Durchatmen ermöglicht, sei geraten, dieses schnell zu tun.
Denn für einen zweiten tiefen Atemzug wird kaum Zeit bleiben.

Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]

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