"Kleine Zeitung" Kommentar: "Für Fortschritte in Rio fehlt der politische Wille" (von Günter Pilch)

Ausgabe vom 20.06.2012

Graz (OTS) - Der Anspruch ist monströs: Eine neue Strategie für die Welt in den nächsten 20 Jahren will der UNO-Gipfel in Rio ab heute finden. Weniger Umweltbelastung, neue Wachstumsperspektiven und mehr Arbeitsplätze lautet die Kursvorgabe, wenn in Brasilien bis Freitag 115 Delegationen aus aller Welt an den Verhandlungstischen sitzen.

Alles nur leere Worte? So gewaltig die Konferenz nach außen strahlt, so gedämpft sind die Erwartungen an ihr Ergebnis. 20 Jahre nach dem legendären Erdgipfel sind in Rio diesmal keine weitreichenden Entscheidungen zu erwarten. Dazu fehlt der politische Wille.

Zwar kursierten ähnliche Befürchtungen schon 1992 vor dem ersten Rio-Gipfel, der sich am Ende mit seinen Klima- und Biodiversitätsabkommen dennoch als Erfolg erwies. Doch im Unterschied zur damaligen Konferenz, die in die Aufbruchstimmung nach dem Ende des Kalten Krieges fiel, laboriert die Welt derzeit an der schwersten Wirtschaftskrise seit 70 Jahren. Sie zu überwinden, bindet alle Anstrengungen. Und die vergangenen 20 Jahre haben gezeigt, dass es bislang nicht gelungen ist, Wirtschaftswachstum vom Umweltverbrauch zu entkoppeln. Unter diesen Voraussetzungen hat der internationale Umwelt- und Artenschutz keine Chance.

Demgemäß war das Scheitern der jüngsten Klimakonferenzen nur folgerichtig. Zu weit hinten dümpeln die entwicklungs- und klimapolitischen Notwendigkeiten auf den Agenden der Tagespolitik. Nach dem jüngsten Bericht des UN-Umweltprogramms wurden nur vier der 90 wichtigsten Ansinnen von 1992 tatsächlich umgesetzt. So kommt es, dass trotz der Symbolwirkung des ersten Erdgipfels der globale Treibhausgasausstoß seither um 40 Prozent angestiegen ist.

Die Prioritätenreihung der Politik lässt sich am Teilnahmeverhalten beim heute startenden Gipfel ablesen. Obama, Merkel, Cameron, Putin -sie alle reisen gar nicht erst nach Rio an. Stattdessen traf man sich gestern in Mexiko, um beim G20-Gipfel über die wirtschaftliche Zukunft zu beraten. Mehr Wachstum lautet die Vorgabe - seit Rio 1992 häufig kaschiert mit den Beiwörtern "nachhaltig" und "grün". Parallel fließen weltweit jährlich 600 Milliarden Dollar in direkte und indirekte Förderung fossiler Energieträger. Für ein Verursacherprinzip fehlt der Mut.

Die bittere Wahrheit ist, dass das Konzept wirklich nachhaltiger Entwicklung meilenweit vom politischen Mainstream entfernt ist. Solange das so bleibt, ist bei den internationalen Umweltgipfeln mit mehr als Leerformeln nicht zu rechnen.****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, redaktion@kleinezeitung.at, http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001