• 18.06.2012, 10:25:25
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Verliebt in den eigenen Untergang - von Wolfgang Unterhuber

Welch ein Wunder: Die Welt steht noch immer

Wien (OTS) - Was ist Hysterie? Laut Duden-Fremdwörterlexikon ist
Hysterie eine auf psychotischer Grundlage beruhende oder aus starken
Gemütsregungen entstehende abnorme seelische Verhaltensweise mit
vielfachen Symptomen. Solche Hysteriesymptome können sein: ein
starker unkoordinierter Bewegungsdrang - oder das Gegenteil: nämlich
Lähmung, bis hin zu partieller Blindheit und Taubheit. All das also,
wodurch sich weltweit viele Politiker, Börsianer, Ökonomen (bis hin
zu Nobelpreisträgern), Experten und Medien seit Ausbruch der Krise
auszeichnen.

Einen neuen Höhepunkt der allgemeinen Hysterie erlebten wir im
Vorfeld der gestrigen Wahl in Griechenland (deren Endergebnis bei
Redaktionsschluss noch nicht feststand). Von der Weltbank bis zu
heimischen Gratisblättchen wurden Weltuntergangsszenarien entworfen.
Befeuert wurde das Ganze mit neuen Hiobsbotschaften aus Spanien und
Abwertungen seitens der Ratingagenturen. Mit Horrorszenarien
verschafft man sich schließlich Aufmerksamkeit. Nüchterne Analytiker
gehen da unter oder werden als weltfremde Zausel dargestellt.

Dabei - oh Wunder - steht die Welt auch heute noch. Und den Euro wird
es weiterhin geben - ebenso wie die Europäische Union. Die aktuelle
Krise lässt sich natürlich weder negieren noch wegdiskutieren. Aber
die Apokalyptiker sollten sich gut überlegen, ob ihr Verhalten auch
nur in irgendeiner Weise verantwortungsvoll ist. Diese Krise ist zu
einem großen Teil auch eine Vertrauenskrise. Und deshalb ist es umso
wichtiger, in turbulenten Zeiten Verantwortung wahrzunehmen und
Vertrauen zu schaffen. Gerade wir Europäer können hier aus der
jüngeren Geschichte lernen. Es ist noch gar nicht so lange her, da
stand dieses Europa vor anderen schweren Herausforderungen. In den
70ern und 80ern erschütterte der Terrorismus der IRA, der RAF, der
ETA, der PLO oder der "Roten Brigaden" die politischen Grundfesten
dieses Kontinents. Dazu kamen Kriege in Nahost samt Ölpreisschocks -
und schließlich der Zusammenbruch des Ostblocks, der über Jahre eine
weltpolitisch und -ökonomisch brandgefährliche volatile Situation
verursachte. Man wird den Eindruck nicht los, dass damals in den
Zentralen der Politik, Hochfinanz und Wirtschaftswissenschaft
professionellere Führungskräfte am Ruder waren als heute. Jede Krise
hat bekanntlich auch das Potenzial, dass wir stärker oder zumindest
klüger aus ihr hervorgehen. Dazu braucht es aber einen kühlen Kopf,
keine Hysterie. Denn wer sich zu sehr in den eigenen Untergang
verliebt, führt ihn auch herbei.

Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]

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