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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Verliebt in den eigenen Untergang - von Wolfgang Unterhuber

Welch ein Wunder: Die Welt steht noch immer

Wien (OTS) - Was ist Hysterie? Laut Duden-Fremdwörterlexikon ist Hysterie eine auf psychotischer Grundlage beruhende oder aus starken Gemütsregungen entstehende abnorme seelische Verhaltensweise mit vielfachen Symptomen. Solche Hysteriesymptome können sein: ein starker unkoordinierter Bewegungsdrang - oder das Gegenteil: nämlich Lähmung, bis hin zu partieller Blindheit und Taubheit. All das also, wodurch sich weltweit viele Politiker, Börsianer, Ökonomen (bis hin zu Nobelpreisträgern), Experten und Medien seit Ausbruch der Krise auszeichnen.

Einen neuen Höhepunkt der allgemeinen Hysterie erlebten wir im Vorfeld der gestrigen Wahl in Griechenland (deren Endergebnis bei Redaktionsschluss noch nicht feststand). Von der Weltbank bis zu heimischen Gratisblättchen wurden Weltuntergangsszenarien entworfen. Befeuert wurde das Ganze mit neuen Hiobsbotschaften aus Spanien und Abwertungen seitens der Ratingagenturen. Mit Horrorszenarien verschafft man sich schließlich Aufmerksamkeit. Nüchterne Analytiker gehen da unter oder werden als weltfremde Zausel dargestellt.

Dabei - oh Wunder - steht die Welt auch heute noch. Und den Euro wird es weiterhin geben - ebenso wie die Europäische Union. Die aktuelle Krise lässt sich natürlich weder negieren noch wegdiskutieren. Aber die Apokalyptiker sollten sich gut überlegen, ob ihr Verhalten auch nur in irgendeiner Weise verantwortungsvoll ist. Diese Krise ist zu einem großen Teil auch eine Vertrauenskrise. Und deshalb ist es umso wichtiger, in turbulenten Zeiten Verantwortung wahrzunehmen und Vertrauen zu schaffen. Gerade wir Europäer können hier aus der jüngeren Geschichte lernen. Es ist noch gar nicht so lange her, da stand dieses Europa vor anderen schweren Herausforderungen. In den 70ern und 80ern erschütterte der Terrorismus der IRA, der RAF, der ETA, der PLO oder der "Roten Brigaden" die politischen Grundfesten dieses Kontinents. Dazu kamen Kriege in Nahost samt Ölpreisschocks -und schließlich der Zusammenbruch des Ostblocks, der über Jahre eine weltpolitisch und -ökonomisch brandgefährliche volatile Situation verursachte. Man wird den Eindruck nicht los, dass damals in den Zentralen der Politik, Hochfinanz und Wirtschaftswissenschaft professionellere Führungskräfte am Ruder waren als heute. Jede Krise hat bekanntlich auch das Potenzial, dass wir stärker oder zumindest klüger aus ihr hervorgehen. Dazu braucht es aber einen kühlen Kopf, keine Hysterie. Denn wer sich zu sehr in den eigenen Untergang verliebt, führt ihn auch herbei.

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