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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Seelenfänger" (von Hubert Patterer)
Ausgabe vom 17.06.2012
Graz (OTS) - War der Süden nicht ein Sehnsuchtsraum,
Exerzierplatz für die Kunst des leichten Lebens? Das war. Mit
düsterer Vorahnung blickt Europa heute nach Griechenland. Dass das
europäische Einigungsprojekt einmal Angst haben würde vor angewandter
Demokratie und ihren Folgen, stand nicht im Drehbuch der
Gründerväter. Jetzt ist es so. Es zeigt, wie verletzlich die große
Idee und das bedrohte, mit Webfehlern behaftete Werk noch immer sind.
Eine einheitliche Währung aus idealistischen Gründen über inhomogene
Volkswirtschaften zu spannen, war der verhängnisvollste Fehltritt der
Konstrukteure. Griechenland schwindelte sich viel zu früh in die
Gemeinschaft hinein. Man ließ es geschehen. Eine Todsünde nannte es
gestern der frühere deutsche Finanzminister Theo Waigel. Die
Bußfertigkeit kommt zu spät. Sie hilft weder dem Pflegefall noch den
Pflegern. Auch hätte man den fußkranken Staat mit seinen untauglichen
Institutionen niemals so lange mit billigen Milliardenkrediten in die
Verschuldung und Passivität locken dürfen. Die griechischen
Regierungen boten, was die Bürger begehrten. Der gestiegene
Lebensstandard, auf Pump finanziert, erstickte jeden Anreiz,
zukunftsfähige Strukturen zu schaffen. Die Transferzahlungen an die
Reformunwilligen erwiesen sich als pädagogische Amoktat. Die
griechischen Bürger, die sich von korrupten Eliten so lange blenden
ließen, bezahlen sie jetzt mit einem Kreuzweg.
Der Wohlstand kann nur zurückkehren, wenn sich Staat und Wirtschaft
ein neues Fundament geben. Diese Einsicht war im Wahlkampf kaum
hörbar. Auch die europäischen Politiker kommunizierten sie nicht.
Keiner der Euro-Retter sprach direkt zu den Bedrängten und warb für
die Wahrheit. Stattdessen treibt die Verbitterung die Verarmten in
die Arme der nächsten Verführer, der linksradikalen Populisten. Der
Demagoge Tsipras betreibt brachiale Schuld-Umkehr und betäubt die
Entmutigten mit der Illusion, es gehe mit ihm beides: die
Aufkündigung der Zahlungsverpflichtung und der Verbleib in der
Währungszone.
Wenn die Mehrheit der Griechen dieser Schamlosigkeit die Stimme gibt,
kann die EU nicht anders, als die Geldflüsse zu unterbinden und dem
Land kundzutun, dass es seinen eigenen Weg gehen müsse. Es wäre keine
herrische Attitüde, sondern Akt der Selbstbehauptung. Dann wird eben
der Seelenfänger Tsipras den Griechen erklären müssen, wie er ihnen
im Herbst, wenn der Staat bankrott ist, die Pensionen und
Beamtenlöhne zahlen will. Man kann nur hoffen, dass die Leidgeprüften
ein solches Szenario nicht herbeiwählen.****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
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