• 12.06.2012, 17:08:32
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Merkel: Obamas Menetekel"

Ausgabe vom 13. Juni 2012

Wien (OTS) - Dr. Doom rides again. "Wer den Griechen den Stecker
zieht, provoziert den totalen Zusammenbruch der Eurozone", erklärt
der für seine Untergangsprognosen zugleich bewunderte und gefürchtete
US-Ökonom Nouriel Roubini. Und glaubt man seinem nicht minder
prominenten Kollegen Paul Krugman, so bedarf es offensichtlich einer
"Mega-Katastrophe", um die EU-Politiker zum zielgerichteten Handeln
zu zwingen.

Mit solchen Männern lassen sich trefflich Schlagzeilen hämmern. Und
sage jetzt keiner, den Frauen würde die hierfür nötige dramatische
Ader fehlen. Christine Lagarde, französische Chefin des
Internationalen Währungsfonds, rüttelte mit der Botschaft, Europa
blieben "weniger als drei Monate", um den Euro zu retten, die
Öffentlichkeit auf.

Sagen wir es so: Die Meldungslage war auch schon entspannter, obwohl
Meldungen vom Ableben des Euro übertrieben sind. Zumindest bis
Redaktionsschluss.

Die leidenschaftliche Anteilnahme der USA am Schicksal der Eurozone
ist allerdings nur teilweise rein wirtschaftlich begründet. Bessere
Wachstumsraten wirken sich allenfalls marginal auf die US-Wirtschaft
aus, ein Zusammenbruch der Eurozone würde allerdings auch die
Finanzbranche jenseits des großen Teichs in neuerliche schwere
Turbulenzen stürzen.

Und dann herrscht schließlich noch Wahlkampf in und um Washington.
Als "einzigen 'Swing State', der wirklich zählt" bezeichnete der
renommierte US-Journalist David Frum kürzlich Deutschland unter
Angela Merkel. Die Kanzlerin in Berlin verfüge über die Macht, mit
ihrem Nein die Wiederwahl Barack Obamas zu verhindern. Es schwingt
also auch immer eine gehörige Portion Wahlkampf an der Heimatfront
mit, wenn die USA die Krisenpolitik Europas vernichtend kritisieren.
Obama benötigt in der Auseinandersetzung mit den Republikanern und
Mitt Romney Ruhe an der Euro-Front, und dies möglichst rasch. Die
Kosten und ihre Bedienung brauchen ihn nicht zu plagen.

Wer hätte das bis vor wenigen Jahren zu denken gewagt: Die Wiederwahl
des mächtigsten Mannes der Welt hängt von den wirtschaftspolitischen
Entscheidungen einer Pastorentochter aus der ehemaligen DDR ab. Wenn
es nicht um die Zukunft des eigenen Geldes ginge, wäre dies
eigentlich ein wunderbares Sinnbild dafür, wie sich Macht im 21.
Jahrhundert verästelt hat.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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