- 11.06.2012, 10:07:27
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Willkommen im zweiten Akt - von Hans Weitmayr
Spanien beginnt die Sprengung des ESM
Wien (OTS) - Selten, aber doch, passiert es, dass man sich im
Theaterstück irrt. Der Vorhang geht auf, der erste Akt beginnt und
man ist verwirrt. Eingestellt war man auf eine leichte Komödie, aber
sicher nicht auf ein dramatisches Gemetzel à la Elektra, Ödipus oder
Antigone. Exakt diese Situation hat sich aus Sicht der europäischen
Politik eingestellt, als Griechenland in Schieflage geraten und
inzwischen zu einem Milliarden-Loch ohne Boden mutiert ist. Mit
griechischen Tragödien ist es wiederum so, dass das Schicksal der
Protagonisten im Mittelpunkt der Handlung steht und das Ende von
Beginn an fest steht, weshalb der Beginn der zweiten Aktes - und in
diesem befinden wir uns seit Samstag - weit weniger überraschen
sollte. Wer bislang also Zweifel daran hatte, einem Stück
beizuwohnen, das aus Sophokles' Feder stamme könnte, muss ob der
Wendung vom Wochenende endgültig eines Besseren belehrt sein. Denn
die 100 Milliarden für Spanien kommen einer desaströsen Eskalation
des Spannungsbogens gleich.
Erinnern wir uns zurück: Bei Errichtung des neuen Rettungsschirm, der
übrigens immer noch nicht ratifiziert ist, hieß es, es sei fraglich,
ob dieser im Ernstfall Spanien und Italien gleichzeitig auffangen
könne. Nun ist dieser Ernstfall bereits zu 50 Prozent eingetreten.
Und wer Europas Phraseologie im Rahmen der Krise verfolgt hat, weiß,
dass es nicht nur fraglich, sondern sicher ist, dass der
Rettungsschirm bei einem italienischen Ansuchen um ESM-Hilfe
zusammenbrechen wird. Optimisten mögen einwenden, dass die Gelder für
Spanien nur ein Achtel der gesamten ESM-Feuerkraft ausmachen. Das
gilt leider nur für den Moment, werden die Mittel doch alleine für
die Stützung des Bankensektors benötigt. Selbst wenn sich die
Renditen an den Anleihenmärkten reduzieren sollten, werden sie -
Griechenland zeigt das - binnen kürzester Zeit wieder ansteigen und
eine Rekaptitalisierung Spaniens über die Finanzmärkte
verunmöglichen. Dann wird, möglicherweise nach einem teilweisen
Zahlungsausfall, die nächste ESM-Hilfe fällig. In der Folge wird es
aufgrund der harten EU-Auflagen zu einem weiteren Abwürgen der
spanischen Wirtschaft und vermutlich einem Steuerstreik der
Bevölkerung kommen. Das bedeutet wiederum, dass ein von den
Finanzmärkten abgeschnittenes Spanien das in diesem Fall notwendige
Null-Defizit zur Bestreitung der laufenden Kosten nicht erreichen
kann - weitere Hilfsgelder werden fällig.
Bis dahin befindet sich aber längst Italien im
Visier der Märkte. Und wird Unterstützung brauchen. Aus einem
Hilfsfonds, der bis dahin halb leer ist. Willkommen also im zweiten
Akt.
Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
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