"Kleine Zeitung" Kommentar: Entscheidungsschlacht um den Euro und Europa" (von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 09.06.2012

Graz (OTS) - Griechenland, Irland, Portugal und jetzt also
Spanien. Die Versuchung, die Euro-Krise als verhängnisvolle Abfolge von Ereignissen zu deuten, die unausweichlich auf die Katastrophe zuführen, ist groß.

Umschwung nennt man im klassischen Drama den Punkt, an dem sich die Handlung entscheidend wendet und die Dinge unumkehrbar ihren Lauf nehmen. Meist endet es böse.

Mit Spanien scheint dieser Wendepunkt erreicht. Einen Zusammenbruch der viertgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone würde die gemeinsame Währung nicht überleben.

Das wissen die politischen Akteure in Europa. Das ist der Grund, warum sie Madrid drängen, sich rasch unter den Euro-Rettungsschirm zu flüchten. Die stolzen Iberer haben sich lange gesträubt. Doch selbst wenn bald neue europäische Hilfen für die Sanierung des kaputten spanischen Bankensektors fließen sollten, ist der Euro keineswegs gerettet.

Zu viele Hydraköpfe hat diese Krise mittlerweile. Die Europäer kommen mit dem Abschlagen gar nicht mehr nach.
Was in Spanien und Irland eine schwere Krise der Banken ist, die durch das Platzen der Immobilienblase ins Taumeln geraten sind, kommt in Griechenland und Italien in Gestalt einer Staatsschulden- und Wettbewerbskrise daher.

Mit milliardenschweren Hilfspaketen war diesem Krisen-Amalgam bislang nicht beizukommen. Eine große Lösung muss her. Diese kann nur in mehr Europa bestehen. Seit Tagen wird in Brüssel hinter den Kulissen hastig an einer politischen, fiskalischen und an einer Bankenunion gebastelt.

Für Europa wäre eine solche Union ein historischer Schritt. Doch der Preis könnte hoch sein, das nicht nur, weil eine Vertiefung der Euro-Zone mit einem radikalen Souveränitätsverzicht ihrer Mitglieder einherginge. Je enger sich die 17 Euro-Länder verzahnen, desto größer wird die Kluft zu den mit Kroatien bald elf Nichtmitgliedern der Währungsunion.

Auch die mangelnde demokratische Legitimität des Großprojekts dürfte den Euro-Rettern noch arg zu schaffen machen, und zwar spätestens dann, wenn die Politik den Bürgern nicht länger verschleiern kann, dass die neuen Wunderrezepte wie die Bankenunion lediglich Chiffren für die Transferunion sind, die in den reicheren Ländern des Nordens niemand will.

Kollaps der Währungsunion oder politische Union - das Schicksal des Euro entscheidet sich dieser Tage in Spanien.

Wie immer das Los sich neigt, Europa, die EU und die Währungsunion werden danach nicht mehr dieselben sein.****

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