• 08.06.2012, 11:27:29
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Mit mehr Personal statt mehr EDV ließen sich zahlreiche Probleme bewältigen

Das "Monsterprojekt ELGA" wird nicht benötigt, wenn bereits vorhandene Daten und Programme gut genutzt würden

Wien (OTS) - Vor einer Einführung der elektronischen
Gesundheitsakte ELGA sollten aus Sicht des Niederösterreichischen
Ärztekammerpräsidenten, Dr. Christoph Reisner, alle Möglichkeiten
geprüft werden, mit denen man mit den bereits vorhandenen Mitteln
ähnliche Ergebnisse und Verbesserungen erzielen kann als die von der
Politik durch ELGA erhofften. "Ganz oben steht immer die Frage: Was
braucht der Patient und welche Hilfsmittel braucht der Arzt, damit er
diesen Bedarf bestmöglich erfüllen kann", so Präsident Dr. Reisner.
So ist für ihn beispielsweise die Einführung einer "Gesundheitsmappe"
vorstellbar, die durchaus elektronisch sein kann. "Das wäre hilfreich
im täglichen Praxisalltag und in den Spitälern. Hinein kommt, was
wichtig ist. Heraus kommt, was an Bedeutung verloren hat. Diese
Entscheidung erfolgt durch den Hausarzt oder Vertrauensarzt, wobei
diese Tätigkeit natürlich in den Leistungskatalog aufgenommen werden
muss."

Entlassungsbriefe brauchen Wochen oder Monate

"Bereits jetzt haben die Sozialversicherungen alle
patientenbezogenen Unterlagen zur Verfügung", so der Chef der
niedergelassenen Ärzte Niederösterreichs, MR Dr. Dietmar Baumgartner.
"Sie wissen, wer wann welches Medikament für welchen Patienten
verschrieben hat. Warum nützt man vor Einführung eines
Monsterprojektes wie ELGA nicht einmal die bereits vorhandenen
Datenmengen?"

"Weil Datenfriedhöfe dieser Art eben zu nichts nützlich sind",
weiß Präsident Dr. Reisner. "Und die ELGA in der geplanten Form würde
auch zum Datenfriedhof mutieren, der die ärztliche Arbeit nur
behindert statt sie zu verbessern. Wir brauchen ein Team von
Spezialisten, die mit Hilfe der bestehenden Hilfsmittel eine
schlanke, konzentrierte Gesundheitsmappe erstellen und warten, mit
deren Hilfe man alle Anforderungen an moderne Medizin hervorragend
bewältigen kann. Das wäre ideal aus Patienten- und auch aus
Beitragszahlersicht."

Die wahren Probleme der Datenübermittlung sind laut Dr.
Baumgartner an anderer Stelle gelagert. "Viele niedergelassene
Ärztinnen und Ärzte leiden darunter, dass Arztbriefe aus
Krankenhäusern oft erst Wochen oder Monate nach der Entlassung in den
Ordinationen eintreffen, obwohl die elektronischen Kanäle längst
vorhanden sind. Diese Probleme kann man auch mit einer ELGA nicht
lösen, sogar ganz im Gegenteil. Hier ist das Land als Spitalserhalter
gefordert, genügend Ressourcen für einen ordentlichen medizinischen
Betrieb bereitzustellen."

Wartezeiten verkürzen statt durch "Bürokratiewahnsinn" noch
verlängern

Dr. Baumgartner verweist auch darauf, dass alle Wechselwirkungen
von Medikamenten auch ohne ELGA abgeprüft werden, das ist
medizinischer Standard. "Die Polemik, dass man durch den Einsatz von
ELGA und eine Wechselwirkungsprüfung durch E-Medikation Menschenleben
retten könnte, kann ich nicht nachvollziehen. Wir könnten die
medizinische Versorgung zum Beispiel dann optimieren, wenn wir die
bestehenden Wartezeiten auf Arzttermine und Operationen verkürzen
würden. Das liegt jedoch ausschließlich in der Hand der Politiker."

"Die Spitalsärzte leiden unter dem Personalmangel", bestätigt Dr.
Ronald Gallob, der Kurienobmann der angestellten Ärzte
Niederösterreichs. "An dieser Situation wird auch eine ELGA nichts
ändern. Wir rechnen sogar damit, dass wir wesentlich mehr Personal
bräuchten, wenn wir zusätzlich zu den bisherigen Anforderungen an
Bürokratie auch noch die Administration von ELGA bewältigen müssten",
so Dr. Gallob.

Wir brauchen keine neue Infrastruktur, sondern Personal

Voraussetzung für eine bessere Vernetzung der Ärzteschaft ist laut
Dr. Gallob daher nur, genug Personal in den Krankenhäusern
anzustellen, die neben der Behandlung auch noch zeitnah alle
sonstigen Verpflichtungen erledigen können. "Das betrifft nicht nur
die Ärzteschaft, sondern auch die Verwaltungsangestellten im
Hintergrund. Hier wäre schon lange die Österreichische Ärztekammer
gefragt, überzeugend auf die Politik einzuwirken."

Aus Sicht von Präsident Dr. Reisner hat es die ÖÄK durch die
Verhinderungspolitik der vergangenen Jahrzehnte geschafft, bei
solchen Entscheidungsprozessen wie ELGA nicht mehr ins Boot geholt zu
werden. "Wer immer nur die Vorschläge von anderen blockiert, statt
selbst einmal Konzepte vorzulegen, der darf sich auch nicht wundern,
wenn ihn keiner mehr so richtig ernst nimmt", so Präsident Dr.
Reisner abschließend.

Rückfragehinweis:
Ärztekammer für Niederösterreich
Pressestelle, Michael Dihlmann
Tel. 0664/144 98 94
mailto:[email protected]
www.arztnoe.at

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