• 04.06.2012, 19:45:46
  • /
  • OTS0268 OTW0268

"Kleine Zeitung" Kommentar: "Grafs Rückzug ist noch kein Befreiungsschlag" (Von Michael Jungwirth)

Ausgabe vom 5.6.2012

Graz (OTS) - Martin Graf hatte keine andere Wahl, als über seinen
Schatten zu springen und den Vorsitz in der Stiftung zurückzulegen.
Ob der Dritte Nationalratspräsident dies aus innerer Einsicht getan
hat oder ob ihm FPÖ-Chef Strache am Wochenende das Messer ansetzen
musste, ist nicht überliefert. In jedem Fall droht die Affäre um die
90-jährige Wienerin, die sich von Graf übervorteilt fühlt, der FPÖ
schweren Schaden zuzufügen.

Dass ein Spitzenpolitiker die Gutgläubigkeit einer betagten Dame
schamlos ausnutzt, um über eine Stiftungskonstruktion auch
geschäftliche Aktivitäten des eigenen Bruders zu unterstützen, ist
ungeheuerlich genug. Wenn dieser Politiker noch dazu einer Partei
angehört, die sich als Anwalt des kleinen Mannes versteht, untergräbt
dies vollends die Glaubwürdigkeit.

Abgesehen davon, dass die Pensionisten auch für die Freiheitlichen
eine nicht unwesentliche Wählerschicht bilden. Die FPÖ musste die
Notbremse ziehen. Je länger die Affäre vor sich hin brodelt, umso
größer die Entfremdung von den kleinen Leuten, die durch die
Euro-Krise ohnehin schon zutiefst verunsichert sind und um ihre
Ersparnisse fürchten.

Dass sich Strache nicht von der ersten Minute an - und dann auch nur
halbherzig - hinter Graf gestellt hatte, ist kein Zufall. Zwischen
den beiden ist es nicht zum Besten bestellt. Schon seit Längerem
stimmt die Chemie nicht mehr. Insider führen rein persönliche Gründe
ins Treffen.

Man darf vermuten, dass Strache über Grafs Selbstfaller nicht ganz
unzufrieden ist. Doch so einfach ist die Welt nicht. Als strammer
Burschenschafter deckt der Doktor der Juristerei ein wichtiges
Wählersegment ab. Auf Strache, den Zahntechniker, blicken die
schlagenden Akademiker, eine zahlenmäßig überschaubare, aber
unglaublich loyale Truppe, geringschätzig herab.

Ob Grafs Rücktritt einem Befreiungsschlag gleichkommt, darf
bezweifelt werden. Die beiden anderen Graf-Vertrauten verweigern den
Rückzug aus dem Stiftungsvorstand. Solange der Fall vor Gericht vor
sich hinköchelt, bleibt Graf in den Schlagzeilen.

Mit der Affäre ist Grafs Ruf endgültig ruiniert. Er darf sich keine
Hoffnungen machen, nach der Wahl wieder ins Nationalratspräsidium
einzuziehen. Man wird sehen, ob Strache die Macht besitzt, Graf vor
der Wahl innerparteilich kaltzustellen. Der FPÖ-Chef könnte die
Affäre als willkommenen Anlass nehmen, um sich nach Haiders Vorbild
vom ultrarechten Flügel zu emanzipieren und etwas in die Mitte zu
rücken.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PKZ

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel