- 31.05.2012, 09:53:52
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Die Versorgung chronischer Schmerzkranker in Österreich ist nicht gewährleistet
Wien (OTS) - Hintergrundgespräch zur prekären Situation von
chronischen Schmerzpatienten mit Univ.-Prof. Prim. Dr. Christian
Lampl, Präsident elect der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG)
und Tagungspräsident der 20. Wissenschaftlichen Tagung der ÖSG am
1. und 2. Juni 2012 in Linz
"Die Versorgung chronischer Schmerzkranker in Österreich ist
nicht gewährleistet"
Epidemiologische Umfragen belegen, dass 1,5 Millionen
ÖsterreicherInnen an chronischen Schmerzen leiden, mehr als die
Hälfte, nämlich 54 Prozent empfinden laut der letzten europäischen
Schmerzstudie aus dem Jahr 2006 ihre Schmerzbehandlung als
unzureichend. Das bedeutet nicht nur für die Betroffenen einen großen
Leidensdruck, sondern es stellt auch enorme Anforderungen an die
Medizin. In diesem Zusammenhang wurde bereits mehrmals von
schmerzbehandelnden Ärzten das geringe Angebot für Patienten mit
chronischen Schmerzen bemängelt und in einer Dringlichkeitsanfrage am
12. Dezember 2011 im Parlament eingebracht, die am 06. Februar 2012
von Gesundheitsminister Dr. Alois Stöger beantwortet wurde.
Davor wurde im August 2011 eine Schmerzpetition unter dem Titel
"die Versorgung von Schmerzpatienten muss besser werden" von der
Österreichischen Schmerzgesellschaft, der Österreichischen
Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin,
der Österreichischen Palliativgesellschaft und der Österreichischen
Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie initiiert. Innerhalb
eines Monats wurden knapp 1.500 Unterschriften von Medizinern
gesammelt.
Kernpunkt der Kritik: Wer in Österreich von chronischen Schmerzen
betroffen ist, muss mit einem, im EU-Vergleich, erschwerten Zugang
zur innovativen medikamentösen und nicht-medikamentösen Therapieform
rechnen.
"Vorurteile gegenüber bestimmten Medikamenten sind auch bei
Ärzten verbreitet"
Vorurteile gegenüber Medikamenten, insbesondere gegen
Opioid-Analgetika (=Substanzen, die morphinartige Eigenschaften
aufweisen), sind nicht nur unter Patienten verbreitet. Diese
Vorurteile finden sich leider auch unter Ärzten, Apothekern und
Psychologen, auf deren Verständnis und Mitbetreuung die
Schmerzkranken angewiesen sind. Da diese Berufsgruppen weder im
Studium, noch in der Weiterbildung fundierte Kenntnisse und
Erfahrungen über Opioid-Analgetika erworben haben, sind sie mit der
rationalen Anwendung und Einschätzung der Wirkung und Gefahren
gelegentlich überfordert. Andererseits fühlen sich auch kundige
Hausärzte immer wieder außer Stande, ein als wirksam und verträglich
ermitteltes Behandlungskonzept weiter anzuwenden, weil es ihr Budget
nicht erlaubt. So müssen PatientInnen in der Behandlung von
Schmerzmedizinern verbleiben, obwohl die Fortführung beim Hausarzt
möglich wäre.
"Das Problem liegt im System"
Wir wissen, dass weit über 90 Prozent der Schmerzkranken ambulant
behandelt werden könnten. Diese Patienten stationär zu behandeln, ist
eine nicht zu verantwortende Verschwendung von Mitteln. Von einer
sinnvollen abgestuften Versorgung: Vom Hausarzt zum Schmerzmediziner,
zur Schmerzambulanz, zur Schmerzabteilung, zum Schmerzkrankenhaus,
wie sie in anderen Bereichen der Medizin selbstverständlich ist, sind
wir noch weit entfernt. Da die überwiegende Mehrzahl der
Schmerzkranken ambulante Patienten sind, die über Jahre oder gar
lebenslang behandlungsbedürftig bleiben, ist deren Behandlung primär
Aufgabe des niedergelassenen Arztes, einem Schmerzmediziner.
Die Schmerztherapie wird mangels ausreichender Kenntnisse immer
noch viel zu spät in Betracht gezogen. Schmerzmediziner werden erst
dann zugezogen, wenn die anderen Ärzte mit ihrem "Latein" am Ende
sind. Besser wäre die frühe und rechtzeitige Kooperation. Der
Prophylaxe der Chronifizierung wird immer noch nicht ausreichend
Beachtung geschenkt.
Forderung: Gefordert wird eine Qualitätssicherungsvereinbarung
innerhalb der Schmerzmedizin, die auch gesetzlich verankert ist. Es
muss eine Verpflichtung zur fachbezogenen Schmerztherapie festgelegt
werden, sodass Patienten mit mono- und oligosymptomatischen,
chronischen Schmerzen beim Haus- und Facharzt in Zukunft besser
versorgt werden können. Auch die Entwicklung von
Chronifizierungsprozessen könnten in vielen Fällen durch effektive
Behandlung von Akutschmerzen verhindert werden, dass dadurch
erhebliche Kosten eingespart werden könnten, ist bekannt.
Unstrittig sollte sein: Der chronische Schmerzpatient "gehört"
nicht einem bestimmten Organ-Facharzt, sondern in die Behandlung des
kompetenten Schmerzmediziners. Die Behandlung muss fächerübergreifend
interdisziplinär und interprofessionell geführt werden.
"Der derzeitige sparpolitische Zugang ist für die Betroffenen die
schmerzhafteste und für das Gesundheitssystem die teuerste Variante"
"Chronische Schmerzen sind oftmals die Ursache für die Beanspruchung
des Gesundheitssystems und eine häufige Ursache für Krankenstände,
Frühpensionen und Produktionsverlust", kritisiert Lampl und führt
aus, dass 33 Prozent der chronischen Schmerzpatienten berufsunfähig
sind und 21 Prozent in die Frühpension entlassen werden. Frühzeitige
Therapie und innovative Medikamente könnten dieser Entwicklung
entgegenwirken.
Weitere Forderungen:
Klinikambulante und stationäre schmerztherapeutische
Einrichtungen, die ausschließlich Schmerzkranken zur Verfügung
stehen.
Sicherstellung ambulanter und stationärer Behandlung chronischer
Schmerzkranker:
Qualitätssicherungsvereinbarungen zur schmerztherapeutischen
Versorgung chronisch schmerzkranker PatientInnen (Mindestteilnahme an
Schmerzkonferenzen, Qualitäts- und Qualifikationsvorgaben der
Qualitätssicherungsvereinbarungen zur schmerztherapeutischen
Versorgung chronisch schmerzkranker PatientInnen, Initiierung
interdisziplinärer und interprofessionelle Konsiliar-/Liaisondienste,
Forderung zur Förderung der Prävention der Chronifizierung von
Schmerzen, verbesserte Einsicht der Politik, Krankenkassen und
Standesorganisationen, Wahrnehmung der ethisch-moralischen
Verpflichtungen, den betroffenen Schmerzkranken beizustehen,
Verbesserung der Vergütung, Einführung schmerztherapeutischer
Fallkonferenzen, Verbesserung der wirtschaftlichen Basis
algesiologischer Tätigkeiten.
Ankündigung:
Diskussionsveranstaltung mit dem Titel "Langer Leidensweg statt
schnelle Schmerztherapie? Was läuft falsch im Österreichischen
Gesundheitssystem?", 31.5., 18.30 Uhr, Bildersaal, Palais
Kaufmännischer Verein
Weitere Informationen unter: www.schmerzkongress.at
Univ.-Prof. Prim. Dr. Christian Lampl
Präsident elect der ÖSG
Univ.-Prof. Dr. Günther Bernatzky
Präsident der ÖSG
Rückfragehinweis:
Kontakt für die Medien:
Martina Dick
Tel.: 01/402 13 41-40
m.dick@welldone.at
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