- 24.05.2012, 11:12:10
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Familienexperte: Finanzkrise führt auch zu Wertewandel
Leiter des kirchlichen "Instituts für Ehe und Familie" nimmt an Weltfamilientreffen Ende Mai in Mailand teil - Klage über Aushöhlung des Schutzes der Familie
Wien, 24.05.12 (KAP) Die aktuelle Finanz- und Währungskrise hat nach
Ansicht des Direktors des kirchlichen "Instituts für Ehe und
Familie" (IEF), Prof. Günter Danhel, mit einem tiefgreifenden
Wertewandel und der einseitigen Propagierung von Idealen, die nicht
am Gemeinwohl orientiert sind, zu tun. Die Lebensziele vieler
Menschen werden immer stärker im Modus des "Habens" und immer
weniger im Modus des "Seins" gesehen. Familien als Orte der
"Menschwerdung" sind in der Gefahr, Opfer einer Entwicklung zu
werden, die für personale Beziehungen und Werte immer weniger Raum
bietet, sagte Danhel in einem "Kathpress"-Gespräch am Donnerstag in
Wien.
Für ein Gegensteuern Neuorientierung und weiter reichende
gesellschaftliche und politische Konsequenzen will nach Meinung des
kirchlichen "Think-Tank"-Leiters auch das bevorstehende
Weltfamilientreffen in Mailand ("VII Incontro Mondiale delle
Famiglie"; 30.5. bis 3.6.) stehen. Danhel gehört der von Bischof
Klaus Küng (St. Pölten) angeführten österreichischen Delegation in
Mailand an.
Papst Benedikt XVI. reist selbst zum "Incontro" an; die
Vorgängerveranstaltung in Mexico City 2009 hatte er hingegen nicht
besucht. Begleitend ist ein Kongress unter dem Motto "Die Familie:
Arbeit und Fest" angesetzt, zu dem 6.000 Teilnehmer erwartet werden.
Danhel, der auch Koordinator des "Familiennetzwerks" ist, zeigte im
"Kathpress"-Gespräch auf, dass der nicht nur durch problematische
Role-Models, sondern auch durch gesetzliche Regelungen und
gesamtgesellschaftliche Prozesse der Schutz der Familie als zu
stärkende Institution immer weiter ausgehöhlt wird. Sogar die
Familienpolitik gehe oft in die falsche Richtung - insofern sie zu
einem großen Teil versuche, die Prioritäten nach den Erfordernissen
der Erwerbsarbeitswelt zu setzen.
Wirtschaft "strukturell rücksichtslos" gegenüber Familien
Von der Wirtschaft, die "strukturell rücksichtslos" gegenüber den
Familien mit Kindern und deren Bedürfnissen sei, komme diesbezüglich
starker Druck, so der IEF-Direktor: "Ich bin allerdings in Sorge,
dass die Wirtschaft an dem Ast sägt, auf dem sie selber sitzt." Wenn
man nämlich sehe, dass etwa Schulabsolventen immer schlechter
qualifiziert seien und zuweilen beträchtliche Mängel etwa
hinsichtlich der Sekundärtugenden aufweisen sollte man sich auch den
Ursachen dieser Entwicklung stellen. Allzu oft stehe familiäre
Vernachlässigung dahinter im Sinne tragfähiger Bindungen: "Dies hat
- in weiterer Folge - erhebliche Auswirkungen auf alle Formen von
Bildung."
Die Wirtschaft müsse auch einsehen, dass die wesentlichsten
Rekrutierungsqualifikationen nicht erlernte Techniken seien, sondern
"soft skills" - Charakter, Einstellung, Motivation, Werthaltung,
Grundüberzeugungen. Diese kämen im wesentlichen aus der Familie, und
- so Danhel - "diese werden vor allem in der Familie gelehrt und
gelernt". Sie seien wiederum die Voraussetzung dafür, dass sich das
wertvollste gesellschaftliche Gut entwickle: Vertrauen. Fehlendes
Vertrauen wiederum sei die tiefere Ursache für die krisenhaften
Entwicklungen in der Finanzwirtschaft.
Die heutige Realität sei, dass Mütter unter zunehmendem Druck
stünden, möglichst rasch nach der Geburt wieder in die Erwerbsarbeit
zu gehen, und zwar Vollzeit, kritisierte der Experte: Als Modell
werde oft unreflektiert ein letztlich "männlich" bestimmtes Leitbild
gesehen - "wobei andererseits eine oft einseitige
Erwerbsarbeitsorientierung von Männern kritisiert wird und nicht
weiter hinterfragt wird, ob Männer mit dieser Entwicklung
tatsächlich zufrieden sind".
Kinder sollten nach den Vorstellungen der Wirtschafts- und z.T. auch
Frauen-Lobbys "professionell" betreut werden, weshalb auf einen
Ausbau der Kinderbetreuung gesetzt werde. Viele Forschungen hätten
aber ergeben, dass es zur Entwicklung einer stabilen und
belastbaren, beziehungsfähigen Persönlichkeit wichtig sei, wenn vor
allem in den ersten Lebensjahren eines Kindes stabile Bezugspersonen
vorhanden seien. Zeit, Zuwendung und konstante Bezugspersonen seien
auch elementare Kinderrechte. Danhel: "Nicht nur Kinderbetreuung
durch Dritte darf der Allgemeinheit etwas wert sein." Die Priorität
dürfe nicht institutionellen Angeboten gelten.
In der Familienpolitik herrsche dennoch die Devise "one size fits
for all". Bei der Kinderbetreuung würden dann Angebote realisiert,
die "nicht auf die vielfältigen Lebenslagen und Lebensphasen" sowie
auf die tatsächlichen Betreuungsbedürfnisse von Eltern eingehen. Sie
gingen Fragen der Kinderbetreuung auch nicht primär vom Wohl des
Kindes an, kritisierte der Experte.
Neuer Arbeitsbegriff notwendig
Notwendig sei deshalb ein Wechsel der Perspektive hin zur
Ebenbürtigkeit von Familienarbeit und Erwerbsarbeit. Ein neuer
Arbeitsbegriff, der neben der Erwerbsarbeit auch die durch und in
Familien geleistete Arbeit wir Erziehung, Betreuung, aber auch
Pflege, berücksichtigt, sei für eine wahrhaft humane Gestaltung der
zukünftigen Gesellschaft dringend erforderlich.
Die derzeit intensiv geführte Diskussion über die Vereinbarkeit von
Familienarbeit und Erwerbsarbeit sollte auch neue
Lösungsmöglichkeiten in den Blick nehmen: Anstelle der oft schweren
gleichzeitigen Realisierbarkeit von Erwerbsarbeitskarriere und
Familiengründung in der "rush hour" des Lebens junger Menschen
zwischen etwa 25 und 40 Jahren sollte auch ein "konsekutives" Modell
von Vereinbarkeit möglich sein. "Angesichts der nach wie vor
steigenden Lebenserwartung sollte es möglich sein, länger als bisher
zu arbeiten, als es das derzeitige 'Pensionsalter' vorsieht.
Vielleicht werden einmal längere Familienarbeitsphasen und
dazwischen liegende Erwerbsarbeitsphasen einander abwechseln, ohne
dass der Wechsel von einer Sphäre in die andere mit großen inneren
Konflikten und unaufholbaren Benachteiligungen verbunden ist", so
Danhel.
Aus Anlass des Weltfamilientreffens publiziert "Kathpress" ein
aktuelles Themenpaket mit Meldungen und Hintergrundinfos. Das
laufend aktualisierte Themenpaket kann unter
www.kathpress.at/familie abgerufen werden.
(forts. mgl.) fam/hkl/
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