Familienexperte: Finanzkrise führt auch zu Wertewandel

Leiter des kirchlichen "Instituts für Ehe und Familie" nimmt an Weltfamilientreffen Ende Mai in Mailand teil - Klage über Aushöhlung des Schutzes der Familie

Wien, 24.05.12 (KAP) Die aktuelle Finanz- und Währungskrise hat nach Ansicht des Direktors des kirchlichen "Instituts für Ehe und Familie" (IEF), Prof. Günter Danhel, mit einem tiefgreifenden Wertewandel und der einseitigen Propagierung von Idealen, die nicht am Gemeinwohl orientiert sind, zu tun. Die Lebensziele vieler Menschen werden immer stärker im Modus des "Habens" und immer weniger im Modus des "Seins" gesehen. Familien als Orte der "Menschwerdung" sind in der Gefahr, Opfer einer Entwicklung zu werden, die für personale Beziehungen und Werte immer weniger Raum bietet, sagte Danhel in einem "Kathpress"-Gespräch am Donnerstag in Wien.

Für ein Gegensteuern Neuorientierung und weiter reichende gesellschaftliche und politische Konsequenzen will nach Meinung des kirchlichen "Think-Tank"-Leiters auch das bevorstehende Weltfamilientreffen in Mailand ("VII Incontro Mondiale delle Famiglie"; 30.5. bis 3.6.) stehen. Danhel gehört der von Bischof Klaus Küng (St. Pölten) angeführten österreichischen Delegation in Mailand an.

Papst Benedikt XVI. reist selbst zum "Incontro" an; die Vorgängerveranstaltung in Mexico City 2009 hatte er hingegen nicht besucht. Begleitend ist ein Kongress unter dem Motto "Die Familie:
Arbeit und Fest" angesetzt, zu dem 6.000 Teilnehmer erwartet werden.

Danhel, der auch Koordinator des "Familiennetzwerks" ist, zeigte im "Kathpress"-Gespräch auf, dass der nicht nur durch problematische Role-Models, sondern auch durch gesetzliche Regelungen und gesamtgesellschaftliche Prozesse der Schutz der Familie als zu stärkende Institution immer weiter ausgehöhlt wird. Sogar die Familienpolitik gehe oft in die falsche Richtung - insofern sie zu einem großen Teil versuche, die Prioritäten nach den Erfordernissen der Erwerbsarbeitswelt zu setzen.

Wirtschaft "strukturell rücksichtslos" gegenüber Familien

Von der Wirtschaft, die "strukturell rücksichtslos" gegenüber den Familien mit Kindern und deren Bedürfnissen sei, komme diesbezüglich starker Druck, so der IEF-Direktor: "Ich bin allerdings in Sorge, dass die Wirtschaft an dem Ast sägt, auf dem sie selber sitzt." Wenn man nämlich sehe, dass etwa Schulabsolventen immer schlechter qualifiziert seien und zuweilen beträchtliche Mängel etwa hinsichtlich der Sekundärtugenden aufweisen sollte man sich auch den Ursachen dieser Entwicklung stellen. Allzu oft stehe familiäre Vernachlässigung dahinter im Sinne tragfähiger Bindungen: "Dies hat - in weiterer Folge - erhebliche Auswirkungen auf alle Formen von Bildung."

Die Wirtschaft müsse auch einsehen, dass die wesentlichsten Rekrutierungsqualifikationen nicht erlernte Techniken seien, sondern "soft skills" - Charakter, Einstellung, Motivation, Werthaltung, Grundüberzeugungen. Diese kämen im wesentlichen aus der Familie, und - so Danhel - "diese werden vor allem in der Familie gelehrt und gelernt". Sie seien wiederum die Voraussetzung dafür, dass sich das wertvollste gesellschaftliche Gut entwickle: Vertrauen. Fehlendes Vertrauen wiederum sei die tiefere Ursache für die krisenhaften Entwicklungen in der Finanzwirtschaft.

Die heutige Realität sei, dass Mütter unter zunehmendem Druck stünden, möglichst rasch nach der Geburt wieder in die Erwerbsarbeit zu gehen, und zwar Vollzeit, kritisierte der Experte: Als Modell werde oft unreflektiert ein letztlich "männlich" bestimmtes Leitbild gesehen - "wobei andererseits eine oft einseitige Erwerbsarbeitsorientierung von Männern kritisiert wird und nicht weiter hinterfragt wird, ob Männer mit dieser Entwicklung tatsächlich zufrieden sind".

Kinder sollten nach den Vorstellungen der Wirtschafts- und z.T. auch Frauen-Lobbys "professionell" betreut werden, weshalb auf einen Ausbau der Kinderbetreuung gesetzt werde. Viele Forschungen hätten aber ergeben, dass es zur Entwicklung einer stabilen und belastbaren, beziehungsfähigen Persönlichkeit wichtig sei, wenn vor allem in den ersten Lebensjahren eines Kindes stabile Bezugspersonen vorhanden seien. Zeit, Zuwendung und konstante Bezugspersonen seien auch elementare Kinderrechte. Danhel: "Nicht nur Kinderbetreuung durch Dritte darf der Allgemeinheit etwas wert sein." Die Priorität dürfe nicht institutionellen Angeboten gelten.

In der Familienpolitik herrsche dennoch die Devise "one size fits for all". Bei der Kinderbetreuung würden dann Angebote realisiert, die "nicht auf die vielfältigen Lebenslagen und Lebensphasen" sowie auf die tatsächlichen Betreuungsbedürfnisse von Eltern eingehen. Sie gingen Fragen der Kinderbetreuung auch nicht primär vom Wohl des Kindes an, kritisierte der Experte.

Neuer Arbeitsbegriff notwendig

Notwendig sei deshalb ein Wechsel der Perspektive hin zur Ebenbürtigkeit von Familienarbeit und Erwerbsarbeit. Ein neuer Arbeitsbegriff, der neben der Erwerbsarbeit auch die durch und in Familien geleistete Arbeit wir Erziehung, Betreuung, aber auch Pflege, berücksichtigt, sei für eine wahrhaft humane Gestaltung der zukünftigen Gesellschaft dringend erforderlich.

Die derzeit intensiv geführte Diskussion über die Vereinbarkeit von Familienarbeit und Erwerbsarbeit sollte auch neue Lösungsmöglichkeiten in den Blick nehmen: Anstelle der oft schweren gleichzeitigen Realisierbarkeit von Erwerbsarbeitskarriere und Familiengründung in der "rush hour" des Lebens junger Menschen zwischen etwa 25 und 40 Jahren sollte auch ein "konsekutives" Modell von Vereinbarkeit möglich sein. "Angesichts der nach wie vor steigenden Lebenserwartung sollte es möglich sein, länger als bisher zu arbeiten, als es das derzeitige 'Pensionsalter' vorsieht. Vielleicht werden einmal längere Familienarbeitsphasen und dazwischen liegende Erwerbsarbeitsphasen einander abwechseln, ohne dass der Wechsel von einer Sphäre in die andere mit großen inneren Konflikten und unaufholbaren Benachteiligungen verbunden ist", so Danhel.

Aus Anlass des Weltfamilientreffens publiziert "Kathpress" ein aktuelles Themenpaket mit Meldungen und Hintergrundinfos. Das laufend aktualisierte Themenpaket kann unter www.kathpress.at/familie abgerufen werden.

(forts. mgl.) fam/hkl/

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