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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die lästigen Wähler" (von Hubert Patterer)
Ausgabe vom 13.05.2012
Graz (OTS) - Nach dem ostdeutschen Arbeiteraufstand im Juni
1953 ließ ein Parteifunktionär Flugblätter verteilen. Auf ihnen stand
zu lesen, dass das Volk das Vertrauen der Regierung verspielt habe
und es nur durch doppelte Arbeit zurückerobern könne. "Wäre es da
nicht doch einfacher", ätzte daraufhin Bert Brecht, "die Regierung
löste das Volk auf und wählte ein anderes?"
Gut möglich, dass die Lenker der EU seit dem Wahlsonntag von
ähnlichen Fantasien beseelt sind. Die Wahlausgänge in Paris und Athen
sind für die Euro-Retter dupliziertes Ungemach. Die Voten folgten
nicht den Geboten einer höheren Vernunft, sondern machten deutlich,
dass Stimmbürger situativ handeln, abgeleitet aus persönlichen
Lebenslagen. In Frankreich war es im ersten Durchgang der "stille
Amoklauf der Verlorenen", wie Peter Handke den Zulauf zu den rechten
Radikalen nannte, im zweiten war es die Illusion, für die die
Mehrheit votierte. Herabsetzung des Pensionsalters, Aufhebung des
Fiskalpaktes: Die Mondscheinfahrt auf dem Traumschiff erschien
verlockend, auch wenn den Passagieren die Kollision mit der
Wirklichkeit klar sein musste.
Auch die Griechen wählten eruptiv und impulsgesteuert, geleitet von
der Wucht der Emotion. Die Wut auf die Eliten sowie die Verbitterung
über das Elend rissen die Räume auf für die Populisten an den linken
und rechten Rändern.
Zu hoffen ist, dass die Hellenen trotz aller Bitternis erkennen, dass
mit diesen Gauklern, die den Euro behalten, aber die Schulden nicht
begleichen wollen, kein Staat zu machen ist; dass, sollte es zur
zweiten Wahl kommen, die Glut der Gefühle so weit abgekühlt ist, dass
eine Form freudloser Einsicht und Vernunft die Oberhand behalten.
Denn es geht dann nicht mehr um Abrechnung und Frustabfuhr. Dann wird
die Frage verhandelt, ob Griechenland in der Europäischen Union
verbleiben will oder nicht.
Das Schicksalhafte an der Situation ist, dass sich auch für die EU
der Handlungsspielraum dramatisch verengt. Sie muss den Ausschluss
eines Landes, das einst an der Wiege der Demokratie stand, als reale
Option ins Auge fassen und aussprechen. Das Tabu ist aufgehoben.
Jetzt gilt es, die Balance zu wahren zwischen Klartext und
Besonnenheit. Zu erwägen, die Fristen für Rückzahlungen zu lockern,
ist ein kluges Signal. Es lässt den Bedrängten etwas Luft zum Atmen,
ohne sie aus der Pflicht zu entlassen.
Die EU wendet sich in der Not dem Volk und seiner Psychologie zu. Das
ist neu. Zu lange meinte man, die Kraft der Idee reiche, das
Einigungswerk funktioniere auch ohne Wähler. Die haben am Sonntag
dazu Stellung genommen.****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
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