• 10.05.2012, 11:55:52
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Reformwille des Landes NÖ auf dem Prüfstand

Arbeitsdichte im Gesundheits- und Sozialbereich steigt kontinuierlich an

Wien (OTS) - Die Arbeitsbelastungen für die Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter in den Gesundheits- und Sozialberufen haben sich in den
letzten 20 Jahren in Niederösterreich drastisch verschärft. So ist
nicht nur die Anzahl der zu behandelnden Patientinnen und Patienten
in den niederösterreichischen Akutkrankenanstalten in den letzten
zwei Jahrzehnten um 50 Prozent angestiegen, sondern auch die Arbeit
selbst ist um ein Vielfaches dichter und intensiver geworden.

NÖ Ärztevertreter Dr. Gallob bringt statistischen Vergleich der
letzten zehn Jahre

OA Dr. Ronald Gallob, Vizepräsident und Kurienobmann der
angestellten Ärzte in der Ärztekammer für NÖ, belegt diese
Entwicklung deutlich mit Zahlen: "Wurden im Jahr 1990 noch 257.639
Patientinnen und Patienten in einem Akutkrankenhaus in
Niederösterreich behandelt, waren es 2010 bereits 386.474. Auch an
der durchschnittlichen stationären Aufenthaltsdauer in den
niederösterreichischen Spitälern lässt sich die höhere Arbeitsdichte
klar erkennen: Blieben im Jahr 1990 Patienten im Durchschnitt noch
11,1 Tage im Krankenhaus, ist dieser Wert im Jahr 2010 schon auf 6,7
Tage gesunken. Und die Patienten sind zehn Jahre später mit
Sicherheit nicht weniger krank oder weniger pflegebedürftig. Es ist
vielmehr so, dass die Zunahme an Tageskliniken und sogenannten
interdisziplinären Aufnahmestationen zu einem vermehrten Druck auch
auf die niedergelassene Ärzteschaft führt. Werden Patientinnen und
Patienten nur mehr kürzer im Krankenhaus versorgt, führt dies in
logischer Konsequenz zu mehr Aufwand und Arbeit bei den
niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten."

Auch wurde die Anzahl der Betten im gleichen Zeitraum nicht
reduziert, sondern erhöht. "Aus der Statistik wissen wir auch, dass
im Jahr 2010 um beinahe acht Prozent mehr operative medizinische
Einzelleistungen in den NÖ Landeskliniken erbracht wurden als noch
vor zehn Jahre. Diese Entwicklung ist nicht isoliert zu betrachten,
sondern wird noch verschärft durch die ständige Zunahme an
administrativer Arbeit und Dokumentation", ergänzt VP Dr. Gallob.

Zahlenmäßige Fakten, bedingt durch Entwicklungen wie höhere
Lebenserwartung beziehungsweise immer bessere medizinische
Möglichkeiten, sind eine äußerst positive Sache. Ein nicht
ausreichendes Reagieren der verantwortlichen Spitalsträger mittels
angepasster Dienstpostenpläne, Arbeitszeiten, die den Spitalsarzt
beziehungsweise die Spitalsärztin in guter Gesundheit die Pension
erreichen lassen, sowie weiterer konstruktiver Maßnahmenpakete sind
eine andere und zwar ärgerliche Sache.

AKNÖ-Adler: Personalstand bleibt hinter steigendem
PatientInnen-Zustrom zurück

Die Vizepräsidentin der Niederösterreichischen Arbeiterkammer,
DGKS Brigitte Adler, fordert die Dienstgeber auf, "die Personallücken
zu schließen". Das PatientInnen-Aufkommen ist in den vergangenen zwei
Jahrzehnten um 50 Prozent gestiegen, der Personalstand weitgehend
gleich geblieben oder sogar gesunken. Viele Arbeitsstellen bleiben
durch Karenzen oder längere Krankenstände monatelang unbesetzt,
kritisierte die AKNÖ-Vizepräsidentin.

"Diese Arbeit muss von den anderen KollegInnen miterledigt werden, so
dass die Belastung weit über das erträgliche Maß gestiegen ist, wie
eine große Befragung unter den Beschäftigten vor zwei Jahren
eindrucksvoll bestätigt hat."

Studie bestätigt die massiven Defizite: 1/3 kurz vor dem Burnout

Die erwähnte Studie der Sozialökonomischen Forschungsstelle zu den
Arbeitsbedingungen sowie Arbeitsbelastungen in den Gesundheitsberufen
in Niederösterreich hat es eindeutig ans Licht gebracht: Fast ein
Drittel aller niederösterreichischen Spitalsärztinnen und
Spitalsärzte steht mit einer ausgeprägten emotionalen Erschöpfung
unmittelbar vor einem Burnout; elf Prozent, also mehr als 400
Ärztinnen und Ärzte, sind bereits akut ausgebrannt. Die Gründe dafür
kennt man in der Ärztekammer: zu wenig ärztliches Personal, lange
Arbeitszeiten, Dienste auch am Wochenende und in der Nacht, eine
schlechte Vereinbarkeit von Arbeits- und Familienleben und nicht
zuletzt die empfundene mangelnde materielle und immaterielle
Wertschätzung durch den Dienstgeber. Dazu kommt, dass es nur wenige
gesundheitsfördernden Maßnahmen am Arbeitsplatz gibt, um die hohe
emotionale Belastung, die der Arztberuf mit sich bringt, abfedert.

Demografische Entwicklung wird die Situation weiter verschärfen

Bedingt durch die demographische Entwicklung der Bevölkerung - im
Jahr 2011 war bereits ein Viertel der Gesamtbevölkerung
Niederösterreichs 60 Jahre und älter - ändern sich auch die Ansprüche
an die medizinische Versorgung. Neue altersspezifische
Krankheitsbilder und eine höhere Zahl von chronisch kranken Menschen
stellen uns vor neue Herausforderungen, auf die die Medizin reagieren
muss.

Einsatzstunden in mobiler Pflege werden um 60 Prozent steigen

Die Gesundheitsberufe müssen attraktiver gestaltet werden, denn in
den nächsten zehn Jahren werden in Österreich 18.000 zusätzliche
Pflege- und Sozialbetreuungskräfte gebraucht. Zusätzlich werden
20.000 derzeit in den Gesundheitsdiensten Beschäftigte in Pension
gehen.

Die Altersstuktur der Beschäftigten in NÖ Gesundheitseinrichtungen
verlangt überdies eine rasche Umsetzung von Maßnahmen zur
alternsgerechten Gestaltung von Arbeitsbedingungen in Krankenhäusern,
Pflegeheimen und den mobilen Diensten. Es kann nicht sein, so
Vizepräsidentin Adler, dass es einen Aufnahmestopp für junge
MitarbeiterInnen gibt und die Dienstgeber ihr alterndes
Stammpersonal, das weiterhin unter zunehmender Arbeitsverdichtung
leidet, mit seinen Problemen alleine lässt.

Gesund länger arbeiten statt krank länger in
Berufsunfähigkeitspension

"Viele schaffen es schon jetzt nicht, bis zur Pension
durchzuhalten. Wenn nicht gegengesteuert wird, bleibt die politisch
gewünschte Erhöhung des Pensionsantrittsalters ein frommer Wunsch",
mahnte AKNÖ-Vizepräsidentin Adler alle Arbeitgeber in
Niederösterreich, "jetzt in gesunde Arbeitsplätze zu investieren,
statt später über vorzeitigen Pensionsantritt zu jammern."

Forderungen der Ärzteschaft nach mehr Personal und verlässlichen
Arbeitszeiten in den Krankenhäusern

Wiederholt fasste daher Vizepräsident Dr. Gallob seine Forderungen an
den Spitalserhalter, das Land Niederösterreich, in fünf Punkten
zusammen:

- "Wir fordern eine deutliche Aufstockung des Personals, um die 
   Arbeit in der erforderlichen hohen Qualität vollbringen zu 
   können. Eine Verringerung der extrem hohen Arbeitsdichte ist 
   dafür nötig!
 - Wir fordern planbare verlässliche Arbeitszeiten im Sinne einer 
   Family-Work-Balance: Eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und 
   Familie muss gewährleistet werden. Dazu zählen die Beendigung von 
   überlangen Arbeitsdiensten, zu häufiger Wochenendarbeit und 
   kurzfristiger Inanspruchnahme!
 - Wir fordern eine professionelle Personalentwicklung, die eine 
   individuelle Karriereplanung ermöglicht!
 - Wir fordern eine neue Gehaltsarchitektur, die auch ohne 
   beträchtliche Sonderzahlungen zu einer leistungsgerechten 
   Entlohnung führt!
 - Wir fordern gesundheitsfördernde Arbeitsplätze, um die hohe 
   emotionale Belastung zu verringern!"

Auswirkungen auf die niedergelassene Ärzteschaft: rund 30
Kassenstellen unbesetzt

Dass die Situation nicht auf den Spitalsbereich beschränkt ist,
zeigt folgender Trend, der den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten
große Sorgen bereitet und auch Auswirkungen auf den Spitalsbereich
hat. So sinkt die Anzahl der BewerberInnen um eine Kassenplanstelle
kontinuierlich. Österreichweit sind derzeit rund 30 Planstellen
vakant. Mit den aufgrund von Stellenplankürzungen von der Schließung
bedrohten Ordinationen erhöht sich diese Zahl auf rund 100 Stellen.
VP Dr. Gallob dazu: "Auch in Niederösterreich müssen
Kassenplanstellen immer öfter mehrfach ausgeschrieben werden,
insbesondere in ländlichen, schwieriger erreichbaren Regionen. Dazu
kommt, dass in den nächsten zehn Jahren in unserem Bundesland rund
ein Drittel der niedergelassenen AllgemeinmedizinerInnen und ein
Viertel der niedergelassenen Fachärztinnen und Fachärzte in Pension
gehen werden. Wo der niedergelassene Bereich nicht mehr lückenlos
funktioniert, kommen die Patientinnen und Patienten zur Versorgung
ins Krankenhaus. Dort sind aber bereits alle Kapazitäten
ausgeschöpft."

Nachhaltige Finanzierung sicherstellen

"Allein in der Mobilen Pflege werden 60 Prozent mehr Pflegestunden
angeboten werden müssen. Als ersten Schritt zu einer soliden
Finanzierung wurde bereits der Pflegefonds in Höhe von 685 Millionen
Euro von der Bundesregierung beschlossen. Für die langfristige
finanzielle Absicherung der Langzeitpflege muss auch über nachhaltige
Modelle - die auch eine Verbesserung der Arbeitsqualität für die
Betroffenen beinhalten -, über das Jahr 2016 hinaus nachgedacht
werden. Denn ohne die ausreichende Anzahl von Health Professionals in
der mobilen und der stationären Langzeitpflege gibt es keine
angemessene Versorgungsqualität", sagte AKNÖ-Vizepräsidentin Brigitte
Adler heute, Donnerstag, in St. Pölten. Adler sprach sich weiters
dafür aus, die Gesundheits- und Krankenpflegeschulen zumindest auf
dem derzeitigen Stand zu belassen und nicht Schulen aus
betriebswirtschaftlichen Gründen, weil die Kosten einem Spital
zugerechnet werden, zu schließen.

Rückfragehinweis:

Kammer für Arbeiter und Angestellte für NÖ 
   Abteilung Öffentlichkeitsarbeit 
   Peter Sonnberger  
   +43 676 848457 323
   [email protected] 
   
   Ärztekammer für Niederösterreich
   Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
   Mag. Birgit Jung, +43 1 53 751-623,
   +43 1 58883-1247
   [email protected]

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