• 25.04.2012, 18:20:28
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Aufholprozess"

Ausgabe vom 26. April 2012

Wien (OTS) - Man kann es auch positiv sehen: Österreich ist längst
nicht mehr jene kleine Welt, in der - nach Friedrich Hebbel - die
große einst ihre Probe hielt. Man muss nicht überall in der ersten
Reihe mit dabei sein. Diese nagende Ungewissheit, ob sich das Neue
nun zum Guten oder doch zum Schlechten wendet, ist für politische
Verantwortungsträger ja auch unzumutbar. Wie sollen die verlässlich
wissen, ob das eh auch die Zustimmung der Wähler findet?

Die Vorteile dieser Strategie der nachholenden Entwicklung sollten
nicht gering geachtet werden: Sicher, man erntet als Wanderer auf
ausgetretenen Pfaden eher keinen Ruhm für die Entdeckung
unerforschter Welten, dafür verirrt man sich auch nicht im Dschungel
- sinnbildlich gesprochen.

Vorausgesetzt den Fall, dass es sich tatsächlich um einen Plan und
nicht bloß strukturelle Entscheidungsschwäche handelt. Dieser
Verdacht drängt sich jedoch auf, wenn man betrachtet, unter welchen
enormen Schmerzen hierzulande Entwicklungen nachvollzogen werden.

Die Tatsache, dass Österreich zu einem Einwanderungsland wurde, wurde
schlicht über Jahrzehnte von der politischen Tagesordnung verdrängt.
Wohl einfach deshalb, weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte.

Dass Bildung unser einziger nennenswerter wirtschaftlicher Rohstoff
ist, gehört zwar zum Pflicht-Repertoire hiesiger Sonntagsredner. Was
das jedoch für die Strukturen und finanzielle Ausstattung der Schul-,
Universitäts- und Forschungssysteme bedeutet, ist bis heute
bestenfalls umstritten und schlimmstenfalls ignoriert.

Dass die Parteien erst jetzt daran denken, ihre finanziellen
Verhältnisse zumindest ansatzweise öffentlich zu machen, lässt sich
nur so erklären, dass hierzulande der Bürger noch immer als
unmündiger Besachwalteter angesehen wird. Deshalb wird den Wählern
die Mitsprache über die Mandatsvergabe verweigert, betrachten
Parteien öffentliche Institutionen und Körperschaften als ihr
wohlerworbenes Eigentum.

Und 17 Jahre nach dem Beitritt zur EU wurde noch nicht einmal in
Ansätzen konsequent durchgedacht, was es für die (Bewusstseins-)
Strukturen dieses Land bedeutet, integraler Bestandteil einer
Gemeinschaft zu sein, die demnächst 28 Staaten umfasst.

Besser, wir beeilen uns mit dem Aufholprozess. Es hat sich einiges
angesammelt.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
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Tel.: +43 1 206 99-474
mailto:[email protected]
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