• 18.04.2012, 18:11:14
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Breiviks Prozess"

Ausgabe vom 19. April 2012

Wien (OTS) - Ja, Anders Behring Breivik missbraucht seinen
Gerichtsprozess in Oslo, um Werbung für jene politische
Weltanschauung zu machen, die ihn dazu gebracht hat, 77 Menschen, den
Großteil davon Jugendliche, kaltblütig zu ermorden. Das ist in der
Tat nur schwer erträglich für jede Gesellschaft, die sich der Würde
des Menschen und dem Kampf gegen Rassismen aller Art verschrieben
hat. Umso mehr, als eine Facebook-Seite mit dem Titel "Stoppt die
Islamisierung Norwegens" bereits rund 10.000 Unterstützer aufweist.

Breivik wird diese Nachricht mit Freude zur Kenntnis nehmen, seine
Botschaft scheint doch auf einen fruchtbaren Boden zu fallen. Zumal
sie seit Tagen von sämtlichen Medien rund um den Globus im Zuge der
Berichterstattung über den Prozess unter die Leute gebracht wird und
genau dies von Anfang an zur Strategie des Massenmörders gehörte.

Sollten die Medien also besser gar nicht über Breivik, über seine
Motive und Hintergründe berichten? Oder zumindest so wenig wie
irgendmöglich?

Für Breivik selbst, gesetzt den Fall, dieser ist nicht nur ein
hochgradig verirrter Geist, wäre dies wahrscheinlich sogar die
härteste aller möglichen Strafen, sieht sich der Massenmörder doch
als auserwählten Kämpfer mit politischer Mission. Ohne Öffentlichkeit
keine Botschaft - und ohne Botschaft keine Bewegung.

Trotzdem wäre ein Totschweigen des Prozesses durch die Medien falsch.
Und zwar aus prinzipiellen Gründen. Dass über Schuld und Unschuld
nicht länger hinter verschlossenen Türen verhandelt wird, sondern vor
den kontrollierenden Augen und Ohren der Öffentlichkeit, ist eine
Errungenschaft der Aufklärung. Man sollte dies nicht ohne zwingende
Gründe, etwa wenn es um die Intimsphäre von Opfern geht, beiseite
wischen. Allein schon, um etwaigen Märtyrer- und Legendenbildungen
entgegenzuwirken.

Nicht mit Pathos oder Showeffekten, sondern allein durch kühle,
sachliche Nüchternheit kommen Gerichte ihrer Aufgabe nach. Das gilt
auch für solche Verbrechen, für die nun Breivik der Prozess gemacht
wird. Ein Prozess braucht weder Helden noch Bestien, sondern valide
Beweise und ein Urteil, das dem, was man gemeinhin unter
Gerechtigkeit versteht, so nahe wie möglich kommt. Und Aufgabe der
Medien ist es, darüber zu berichten.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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Tel.: +43 1 206 99-474
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