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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Breivik hat die Ideale Norwegens verraten" (Von Thomas Hug)
Ausgabe vom 14.4.2012
Graz (OTS) - Eine Begegnung am Fuß einer norwegischen Skiloipe:
Der Mann ist groß und blond, ein typischer norwegischer Berggänger.
Er packt seine Ski auf einen Audi A4 Kombi mit einem Nummernschild
aus Baerum, einem Eldorado der Erfolgreichen und Wohlhabenden nahe
Oslo.
Er habe nichts gegen Einwanderung, sagt er beiläufig. Doch die
Abgewiesenen und die Kriminellen sollten doch schneller aus Norwegen
ausgeschafft werden. Mit "hadde bra" - viel Glück - verabschiedete er
sich, für ihn seien Ostern nun vorüber, er müsse arbeiten gehen.
Nein, es war nicht Anders Behring Breivik, es war ein ganz
gewöhnlicher, gut situierter Norweger. Aber genau so ein Treffen
hätte vor ein paar Jahren mit dem Massenmörder stattfinden können.
Breivik war ein ganz normaler Norweger, ebenfalls groß und blond. Er
war "einer von uns", bis er sich mit einem blutigen Massenmord
"outete".
Dieses "einer von uns" hat in Norwegen eine besondere Bedeutung.
Nicht so sehr, dass man sich mit dem Wir-Gefühl von anderen abgrenzen
will.
Es ist vielmehr ein Ausdruck von Zusammengehörigkeit und Solidarität,
geprägt vom harten Leben von Fischern und Bergbauern. Es ist noch
immer lebendig im solidarischen, modernen Wohlfahrtsstaat.
Deshalb sind die Anschläge Breiviks für viele Norweger und
Norwegerinnen ein solcher Schock. Der Massenmörder Breivik hat die
Ideale dieses Volkes verraten.
Er war kein islamistischer Fremder, sondern kam aus den eigenen
Reihen. Er hätte ein Nachbar sein können. Viele Norweger kommen aus
Scheidungsfamilien - wie Breivik. Hinzu kommt, dass die typische
norwegische Solidarität auch mit dem Begriff "Snillismus" verbunden
ist, übersetzt etwa "Man ist artig und lieb".
Selbstkritisch meinen viele Norweger, dass sie manchmal "zu lieb"
zueinander seien. Ihnen fehle oft der nötige "Biss". Dennoch sind die
Norweger stolz darauf, eine "liebere" Gesellschaft als viele andere
zu haben und es schließlich dennoch weit gebracht zu haben.
Auch diesen Teil der norwegischen Solidarität hat Breivik mit seiner
Tat verraten. Nicht, dass man jetzt diese Ideale aufgeben will. Aber
viele Norweger fragen sich doch, warum gerade eine solch solidarische
und auf "Snillismus" getrimmte Gesellschaft ein Monster wie Breivik
hervorbringen konnte.
Der am Montag beginnende Prozess wird der norwegischen Öffentlichkeit
den Massenmörder Breivik vorführen. Aber er wird keine Antwort geben,
wie solche Monster künftig verhindert werden können.****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
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