- 12.04.2012, 19:29:38
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Selten waltet Vernunft, besser wirken Strafen" (Von Ernst Sittinger)
Ausgabe vom 13.4.2012
Graz (OTS) - Diesen Wahnsinn kann man sich heute gar nicht mehr
vorstellen: Bis 1973 das Tempolimit 100 km/h auf Bundesstraßen
eingeführt wurde, gab es pro Jahr bis zu 3.000 Verkehrstote in
Österreich. Im Vorjahr dagegen kamen "nur" 523 Menschen im
inländischen Straßenverkehr ums Leben. Das ist der tiefste Wert seit
Beginn der Aufzeichnung im Jahr 1961.
Die Opferzahl wurde also auf ein Sechstel reduziert, und das bei
explodierendem Verkehrsaufkommen und immer PS-stärkeren Boliden.
Besonders in jüngster Vergangenheit sind beachtliche Erfolge
gelungen. Die Zahl der Toten wurde seit 2002 beinahe halbiert.
Ist die Risikotechnik Autofahren also plötzlich beherrschbar
geworden? Gewiss ist, dass nicht die Menschen vernünftiger geworden
sind, sondern die Elektronik uns heute besser schützt.
Rundum-Airbags, Warnprogramme und vollelektronische Fahr- und
Bremsassistenten greifen dort ein, wo der Mensch täglich versagt.
Auch die Überwachungstechnik ist ausgefeilt wie nie, die Palette
reicht von der Laserpistole über den Alkomaten bis zur Tempomessung
mittels Section Control. Ob Handyverbot am Steuer, Kindersitzpflicht
oder Verkehrssünder-Punktekartei: Selten waltet die Vernunft, viel
besser wirken Zwang, Verbote und Strafen.
Keine Spur also von "Freiheit auf Rädern". Die Mehrheit der
Verkehrsteilnehmer tut nur das Nötigste für die Sicherheit anderer
und hat allenfalls Angst vor dem Führerscheinverlust. Die Jäger der
Urzeit gebärden sich heute noch immer als Jäger der Uhrzeit, die als
Raser und Drängler auf den Straßen für drei Minuten Zeitvorteil gerne
Kopf und Kragen riskieren. Das Stammhirn lässt grüßen.
Bei allem Respekt für die Erfolge in der Verkehrssicherheit muss
festgehalten werden, dass 1,4 Tote pro Tag noch immer eine unfassbar
hohe Opferzahl darstellen. In keinem anderen Bereich der Zivilisation
würden wir diesen Blutzoll akzeptieren. (Die jährlich 1300
Selbstmorde, von denen viele auch als Verkehrsunfälle erfolgen, seien
hier ausgenommen, dort geht es um andere Probleme.) Man stelle sich
jährlich 500 tote Soldaten vor oder 500 Lawinentote oder 500
Brandopfer. Bei jedem der rund 40 Morde herrscht Großalarm.
Man kann es drehen und wenden, wie man will: Der Mensch der
westlichen Welt hat keine natürlichen Feinde mehr, aber sein
gefährlichster Fressfeind bleibt das Auto. Oder, genauer gesagt, der
Fahrer des (anderen) Wagens. Vielleicht sollten wir uns diesen
Umstand jedes Mal kurz ins Gedächtnis rufen, sobald das Zündgeräusch
ertönt.****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
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