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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Erkenntnisgewinn: null"
Ausgabe vom 10. April 2012
Wien (OTS) - Es ist zweifellos sinnvoll, nicht über jeden
verqueren Debattenbeitrag eine endlos lange inhaltliche Diskussion zu
führen. Ein solches Eingehen auf Kritik bedeutet nämlich zwingend,
den Kritiker und seine Botschaft ernst zu nehmen.
Wer das um jeden Preis vermeiden will, für den empfiehlt sich als
naheliegende Alternative ostentatives Schweigen. Es soll ja durchaus
Menschen geben, die solch demonstrative Nicht-Beachtung als härteste
aller Strafen empfinden. Weil auf diese Weise dem eigenen Ego der
empfindlichste Schlag versetzt wird. Ob solches Schweigen nun nobel
ausfällt, also als Ausdruck intellektueller Überlegenheit gemeint
ist, oder aber mit einer vor Wut geballten Faust in der Hosentasche
erfolgt, ist vor allem eine Frage der eigenen charakterlichen
Beschaffenheit und persönlichen Betroffenheit.
Israels Regierung hat sich im Fall von Günter Grass nicht für das
Schweigen, sondern für die Gegenoffensive entschieden, indem sie den
deutschen Nobelpreisträger nun zur "persona non grata" erklärt hat.
Das ist ihr gutes Recht, mitunter gehört auf einen groben Klotz
tatsächlich ein grober Keil. Ob die Entscheidung klug war, steht auf
einem anderen Blatt. Vieles spricht dagegen.
Erschütternd ist aber etwas anderes, nämlich der gnadenlose
Automatismus, mit dem die von Grass durchaus professionell
inszenierte Erregung abgehandelt wird: Jemand betätigt einen Auslöser
- und ab diesem Moment läuft die Sache auf Eskalations-Autopilot.
Gottseidank ohnehin nur in diskursiver Hinsicht, aber doch. Entweder
man ist für Grass und gegen Israel - oder eben umgekehrt. Pardon wird
nicht mehr gewährt. Und die Medien, deren Grass sich meisterhaft
bedient hat, befeuern die Debatte, statt dieser Grenzen des
Vernünftigen zu setzen.
Wenn schon im erweiterten Feuilleton Debatten unter distinguierten
Geistesmenschen mit so unversöhnlicher Härte derart unbeirrbar auf
ihre rhetorische Eskalation zusteuern, wie leicht können dann erst
ganz reale außenpolitische Auseinandersetzungen zwischen den
Regierungen aus ganz gewöhnlichen Politikern unkontrollierbar aus dem
Ruder laufen?
Die aktuelle feuilletonistische Aufarbeitung des Nahost-Konflikts
darf getrost abgehakt werden, der Erkenntnisgewinn ist null. Es sei
denn, man ist Medienwissenschafter.
www.wienerzeitung.at/leitartikel
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