Folter - Gewalt - Trauma - "Karfreitag heute"

Diakonie in Sorge um Abschiebungen von schwerkranken Menschen

Wien (OTS) - Dieser Tage erinnern sich Millionen Menschen weltweit an die Folter und Gewalt, die Jesus widerfahren ist. Gemeinsam mit vielen anderen Menschenrechtsorganisationen nimmt die Diakonie den Karfreitag zum Anlass, um auf die schwierige Situation von Folterüberlebenden aufmerksam zu machen.

Martin Schenk, Stv. Direktor der Diakonie und selbst Psychologe, beschreibt die fatalen Auswirkungen von Folter und Verfolgung. Die Menschen haben ein Trauma erlebt, "einen Schlag gegen die Psyche, dem man nichts entgegensetzen kann". Es bleibe eine Wunde mit den Folgen sozialen Rückzugs, Ess- und Schlafstörungen, Suizidneigung, Erinnerungsverlust. Schenk weist darauf hin, dass "die Therapie nicht wieder gut machen kann, was geschehen ist. Die Verwandten und Freunde, die unter schrecklichen Umständen getötet wurden, bleiben tot," so Schenk.

Therapie kann aber begleiten auf dem Weg der Trauer, um all das Verlorene und so zumindest den Blick auf die Zukunft im Exilland Österreich eröffnen. Dazu braucht es auch eine Reduktion der quälenden Existenzangst, Anerkennung von Qualifikationen und Arbeitsmöglichkeiten. "Ein funktionierendes soziales Netz, verständnisvolle Beziehungen und gesellschaftliche Anerkennung sind entscheidend für die Bewältigung des Traumas und für die Integration in eine neue Gesellschaft", betont Schenk.

Die Diakonie macht sich jedoch berechtigte Sorgen um Abschiebungen von schwerkranken Menschen aus Österreich.

"Die Dublin II Verordnung ist, kurz gesagt, die europäische Zuständigkeitsregel für die Durchführung der Asylverfahren. Das Land der EU, das als erstes von einem Schutzsuchenden betreten wird, ist zuständig für die Durchführung des Asylverfahrens. Das führt in vielen Fällen allerdings nicht dazu, dass der Asylantrag in einem Nachbarland Österreichs bearbeitet wird, sondern dazu, dass sich auch dieses Land nicht zuständig fühlt und dass es zu Kettenabschiebungen kommt," erläutert Christoph Riedl, Leiter des Diakonie Flüchtlingsdienstes die geltenden Asylbestimmungen. "Besonders aus Ungarn und Polen werden die Flüchtlinge oft weiter Richtung Osten geschickt, und wir wissen, dass Polen nicht davor zurückschreckt Menschen wieder in ihre Herkunftsländer, wie z.B. Tschetschenien abschiebt, wo ihnen nicht selten der Tod droht," betont Riedl.

Drei Maßnahmen sind notwendig, um die Sicherheit von Folterüberlebenden und Schwerkranken in Österreich zu gewährleisten:
Erstens geht es darum, Ruhe zu bewahren: Österreich ist im Ranking der asylantragsstärksten Industrienationen gerade auf den 11. Platz abgerutscht. "Die Bewältigung des derzeitigen Flüchtlingsstromes nach Österreich ist für das österreichische Aufnahmesystem kein Problem," ist sich Riedl sicher.

Zweitens müssen wir das Sterben stoppen: Die Diakonie fordert seit vielen Jahren gemeinsam mit hunderten Flüchtlingsorganisationen in Europa, dem Sterben an den Grenzen Europas ein Ende zu setzen. "Eine zentrale Maßnahme dafür wären "geschützte Einreiseverfahren", die es Flüchtlingen ermöglicht sicher nach Europa zu gelangen," fordert Christoph Riedl.

Und drittens muss die Dublinregelung abgeschafft werden "Österreich sollte, anstatt sich immer neueren Abschottungsphantasien hinzugeben, ein solidarisches Aufnahmesystem für Flüchtlinge in Europa vorantreiben," so Riedl. "Die jetzige Dublin-Regelung ist mit einem solidarischen Europa nicht vereinbar. Es muss aber darum gehen, ein europäisches System zu schaffen, in dem in allen EU Staaten gleichwertige Aufnahmebedingungen und vor allem gleiche Chancen auf Asyl bestehen," so Christoph Riedl.

Die politischen Rahmenbedingungen für Trauma-Therapie sind nicht heilsam, sondern oft "heillos"

"Flüchtlinge bräuchten aus der Perspektive der Psychotherapie in erster Linie Sicherheit und Schutz, sie bräuchten die Anerkennung und Verurteilung der Gewalt, die ihnen zugefügt wurde, und drittens bräuchten sie die Möglichkeit einer neuer Lebensperspektive, die Gestaltungsmöglichkeiten und sinnvolle Tätigkeit wesentlich einschließt," betont Verena Schlichtmeier, Leiterin von Ankyra -Zentrum für interkulturelle Psychotherapie in Innsbruck. Stattdessen erleben Flüchtlinge in Österreich vielfach wiederholt Unsicherheit, Abwehr und Ausgrenzung, die Unterstellung der Lüge. Das geschieht, wenn sie einen negativen Asylbescheiden erhalten, oder unter Lebensbedingungen leben müssen, die ihnen den Zugang zu Arbeit verwehren und ihre Selbstbestimmungsmöglichkeiten massiv beschränken. "Für unsere Arbeit in den Psychotherapieeinrichtungen heißt das, dass wir unter Rahmenbedingungen heilsam wirksam werden wollen, die nicht heilungsfördernd sind, sondern - ich möchte sagen - heillos," so Schlichtmeier.

Ankyra ist eine von zwei Psychotherapieeinrichtungen für Menschen mit Fluchtgeschichten des Diakonie Flüchtlingsdienstes. Seit 8 Jahren bieten wir in Tirol Frauen, Männern und Kindern, die nach Österreich geflüchtet sind und unter den Folgen von Gewalt und Flucht leiden, traumaspezifische, dolmetschunterstützte und kultursensible Psychotherapie, medizinische und psychiatrische Beratung. 2011 nutzten 218 AsylwerberInnen und Flüchtlinge aus 33 Herkunftsländern unsere Angebote.

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Dr. Roberta Rastl-Kircher, Diakonie Österreich,
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