Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Andere Kaliber als Fidel"

Ausgabe vom 30. März 2012

Wien (OTS) - Der greise Revolutionär habe Fragen gestellt, und der alte Papst habe geantwortet. So erzählte es der Sprecher von Benedikt XVI. nach dessen Begegnung mit Fidel Castro. In Sachen Inszenierung und Storytelling macht der katholischen Kirche eben niemand etwas vor.

Der Papst in Weiß, der "Máximo Líder" von Krankheit gezeichnet: Es sind wirkmächtige Bilder, die keinen Zweifel über den Sieger der historischen Konfrontation zwischen der Kirche und dem Kommunismus lassen. Während die katholische Kirche in ihren angestammten Kernlanden selbstverschuldet unter Legitimationsdruck gerät, ist es ihr außerhalb Europas gelungen, sich zur Fürsprecherin gegen die -materielle, politische und religiöse - Unterdrückung der Menschen zu machen.

Dennoch sollte sich der Westen hüten, aus dem zuletzt reihenweisen Diktatoren-Sturz, wie er sich nun auch in Kuba abzeichnet, falsche Schlüsse zu ziehen. Mit einem Siegeszug des liberalen Demokratie-Modells hat dies herzlich wenig zu tun. In "No One's World" zeichnet nun der renommierte US-Politologe Charles A. Kupchan ein - zumindest aus westlicher Sicht - ernüchterndes Szenario der künftigen Machtverteilung: Die kommende Weltordnung zeichne sich dadurch aus, dass sie von niemandem dominiert werde - nicht von den USA, nicht von China und auch von keiner Staatenallianz.

Um dennoch gemeinsame Probleme gemeinsam lösen zu können, müsse sich der Westen, so Kupchan, von der Vorstellung lösen, dass nur demokratische Regierungen rechtmäßige Vertreter ihrer Bürger seien. Das kapitalistische System breite sich einfach schneller aus als die Demokratie. Gut möglich, dass sich Chinas autoritärer Kapitalismus, Russlands paternalistische Autokratie, die nicht minder autoritären Stammessysteme im Mittleren Osten als langfristige Alternativen erweisen - mit nicht zu unterschätzender Wettbewerbsfähigkeit, wenn es um Wachstum und Wohlstand geht.

Die künftigen Herausforderer von Demokratie und Freiheit werden nicht Männer vom Schlage Fidel Castros sein, sondern Kaliber wie Xi Jinping, der Nachfolger Hu Jintaos, oder Chalifa bin Zayid Al Nahyan, der Herrscher von Abu Dhabi. Und Letzterer wirft gerade die Adenauer-Stiftung, die sich dem demokratischen Aufbau widmet, aus seinem Land. Selbstredend, man ist ja Monarch, ohne Angabe weiterer Gründe.

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