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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Kleingeld mit Opfern"
Ausgabe vom 23. März 2012
Wien (OTS) - Sogar der menschliche Wahnsinn hat eine eminent
politische Dimension. Das ist natürlich keine neue Erkenntnis, aber
der Fall Mohamed Merahs, seiner Opfer und seines Todes, macht dies
wieder einmal besonders deutlich.
Merah war ein französischer Bürger algerischer Herkunft, ein
23-jähriger Moslem, der sich offenbar innerhalb weniger Jahre vom
Kleinkriminellen zum fanatisierten Glaubenskrieger im Dienste einer
islamistischen Terrororganisation wandelte. Seine insgesamt sieben
Opfer, die er mit ruhiger Hand und kaltem Herzen aus nächster Nähe
ermordete, waren vier Juden, drei Kinder und ein Rabbi, sowie drei
Soldaten, die - wie Merah selbst - aus Nordafrika stammten.
Die Attentate platzten mitten in den leidenschaftlich geführten
französischen Präsidentschaftswahlkampf. Es liegt in der Natur des
Amtes, dass sich in den Stunden der Tragödie alle Augen auf
Staatspräsident Nicolas Sarkozy richten. An ihm ist es
sicherzustellen, dass sich die Nation ihrer selbst vergewissert - mit
Trost, Pathos und einigem Aktionismus. Den Mitbewerbern bleiben nur
Nebenrollen. Die Umfragen zeichnen bereits ein deutliches, wenngleich
noch nicht abgeschlossenes Bild der politischen Gewinner und
Verlierer dieser Tat.
Wäre Merah kein Islamist gewesen, sondern ein weißer Bürger
Frankreichs, ein Rechtsextremist wie der Norweger Anders Behring
Breivik, die politische Gewinn-und-Verlust-Rechnung der Attentate
würde genau umgekehrt aussehen.
Man kann dieses Spiel um politisches Kleingeld ruhigen Gewissens
erbärmlich finden; die Familien der Opfer wird der Hinweis von
Wahlkämpfern, der Mörder ihrer Angehörigen komme wenigstens aus einem
ideologisch schlüssigen Eck, kaum trösten. Sie werden damit nur noch
ein weiteres Mal instrumentalisiert - nach dem Täter nun durch die
Politik.
Individuellen Amokläufern, die einem Wahn - und sei er auch
weltanschaulich verbrämt - verfallen sind, ist eine Gesellschaft
weitgehend hilflos ausgeliefert. Anders ist dies bei ideologisch
motiviertem Terror, egal, aus welcher Ecke dieser stammt. Dessen
Netzwerke lassen sich überwachen, unterwandern und bekämpfen. Der
Preis, der hierfür politisch zu entrichten ist, ist allerdings
beträchtlich. Denn Freiheitsräume zu bewahren, bedeutet zwingend,
sich die eigene Verletzbarkeit - als Mensch und Gemeinschaft -
einzugestehen und sie zu akzeptieren.
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