• 21.03.2012, 16:30:31
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Georg Friesenbichler: "Blinder Hass"

Ausgabe vom 22. März 2012

Wien (OTS) - Nachrichten aus der Redaktion Teil 1: Das
Außenpolitik-Ressort ist uneins. Wir diskutieren heftig darüber, ob
Israels Kriegsdrohungen gegen den Iran dadurch verursacht sind, dass
das israelische Volk durch den Holocaust kollektiv traumatisiert ist,
oder ob die konservativ-religiöse Regierung von Benjamin Netanyahu
dieses Trauma nur benutzt, um international Stimmung für das eigene
Land zu machen und gleichzeitig von innenpolitischen Problemen
abzulenken.

Es wird wohl eine Mischung aus beidem sein. Denn der Wille, nie
wieder wehrloses Opfer sein zu wollen, paart sich in Israel auf
seltsame Weise mit dem Beharren auf der besonderen Rolle des ewigen
Opfers. Dafür sprechen auch die Worte, die Israels
Parlamentspräsident Reuven Rivlin anlässlich der Bluttaten von
Toulouse fand: "Das jüdische Volk steht wilden Tieren gegenüber, die
unersättlich und von blindem Hass angetrieben sind", sagte er. Dass
sich der Attentäter, mutmaßlich ein Islamist, auch französische
Soldaten nordafrikanischer Abstammung als Ziel gewählt hatte, wurde
dabei unterschlagen.

Angeblich wurde der Mann durch den Krieg in Afghanistan ebenso
motiviert wie durch den israelisch-palästinensischen Dauerkonflikt.
Dass die Probleme in beiden Fällen ungelöst sind, zeugt vom Versagen
des Westens im Bemühen, den Terroristen den Wind aus den Segeln zu
nehmen. Der "Kampf gegen den Terror", den George W. Bush ausgerufen
hatte, konnte zu leicht zu einem Kampf gegen den Islam umgedeutet
werden. Rechte Kräfte in Europa nutzen denn auch die schrecklichen
Vorgänge in Toulouse sofort wieder zur Schürung von
Islamfeindlichkeit. Dabei war es ein deklarierter Gegner des Islam,
der im vorigen Jahr in Norwegen 77 Menschen umgebracht hat. Und nicht
zufällig hielt man zunächst auch einen Rechtsextremisten der Morde
von Toulouse für fähig. "Blinder Hass" an allen Ecken und Enden, der
sich gegenseitig hochschaukelt.

Nachrichten aus der Redaktion Teil 2: Die Außenpolitik-Redakteure
werden ihre Diskussionen ohne ihren Ressortleiter weiterführen
müssen. Denn der verabschiedet sich demnächst vom Tagesgeschäft, die
Leser werden seinen Namen nur noch ab und zu in der Zeitung finden -
etwa in einer am letzten Samstag jedes Monats erscheinenden Kolumne.
Daher wird dieser Leitartikel, der sein erster ist, auch sein letzter
sein.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: +43 1 206 99-474
mailto:[email protected]
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