"Kleine Zeitung" Kommentar: "Warum das Konzil nicht nur gefeiert werden sollte" (von Thomas Götz)

Ausgabe vom 19.03.2012

Graz (OTS) - Heute tritt in Kärnten die österreichische Bischofskonferenz zusammen. Neben dem Alltagsgeschäft wird die Herren ein Jubiläumstermin interessieren: Im Herbst jährt sich zum 50. Mal die Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils.

Was damals in Rom geschehen ist, darüber gehen die Meinungen in der Kirche bis heute auseinander. Grob vereinfacht halten die einen die Reformen dieser Versammlung aller Bischöfe der Welt für die Ursache aller Krisen, die die Kirche seither beuteln. Die anderen klagen, die Kirche habe auf halbem Weg der Mut verlassen. Bei konsequenter Umsetzung der Reformideen stünde sie heute besser da.

Die Gesamteinordnung des Konzils spaltete die Kommentatoren schon damals: War es ein Bruch mit der vorangegangenen Kirchengeschichte oder nur deren Fortschreibung? Besonders das Dekret zur Religionsfreiheit schied die Geister. Es atmet einen neuen Geist der Toleranz gegenüber anderen Religionsgemeinschaften, der älteren lehramtlichen Äußerungen ebenso abgeht wie neueren. Der Schweizer Bischof Marcel Lefebvre und seine in der Piusbruderschaft organisierten Anhänger erkannten das Konzil deshalb nicht an.

Der Jubiläumstermin wäre also eine hervorragende Gelegenheit, die Konzilstexte mit dem zu vergleichen, was in fünf Jahrzehnten daraus geworden ist. Die Relektüre der Beschlüsse könnte auch zur Entgiftung der Diskussion beitragen. Manche Phrase von damals ist ja mit den Jahren zur Axt geworden, die man Gegnern trefflich an den Kopf werfen konnte. Die Kirche als "wanderndes Gottesvolk" ließ sich gegen Bischöfe ins Treffen führen, das Wort Johannes XXIII. vom "Aggiornamento", gemeint ist die Heranführung der Tradition an die heutige Zeit, gegen Reform-skeptiker jedweder Art verwenden. Was damals wirklich intendiert war, die Zwischentöne, Rückbezüge und das Kleingedruckte, interessierte bald niemanden mehr. Es hätte nur die Kampflust gedämpft.

Der Jahrestag wäre eine Gelegenheit, dem steril, ja für viele unverständlich gewordenen innerkirchlichen Positionsstreit das ideologische Unterfutter zu nehmen. Das Jubiläum wäre auch eine Chance, sich anstecken zu lassen von dem furchtlosen Aufbruchsgeist, der die Jahre des Konzils prägte und der in so krassem Gegensatz zur heutigen Verzagtheit steht.

Schlimmstenfalls fällt den Bischöfen nicht mehr ein als Beschwörungen, Festreden und Jubiläumsgottesdienste. Sinnloser könnte man eine Gelegenheit zum Nachdenken, ja vielleicht sogar zum Neubeginn nicht vergeuden.****

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