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"Kleine Zeitung" Leitartikel: "Die Erotik des Alters" (Von Hubert Patterer)
Ausgabe vom 18.03.2012
Graz (OTS/Vorausmeldung) - In Berlin wird heute ein
72-Jähriger, Joachim Gauck, zum Staatspräsidenten gewählt. Die Leute
mögen ihn, weil er die Tugenden des Alters verkörpert:
Lebensklugheit, reflexive Güte und eine heitere Gelassenheit. Hinzu
kommt eine unverbrauchte Art zu sprechen, eine Mischung aus Predigt
und Prosa. All das macht das Alter ziemlich sexy.
Bemerkenswert ist, dass sich das Alter spektakulär entaltert. Die
gefühlte Lebensmitte klettert rasant nach oben. Die Alten lassen sich
weder so rufen, noch lassen sie sich ausmustern. Sie begreifen sich
als vitalen Teil der Bürgergesellschaft.
Sie erheben die Stimme und stören die Kreise der Etablierten. Der
71-jährige Bernd Schilcher legt in einer zornigen Streitschrift die
Verkrustungen des Bildungssystems bloß. Der 73-jährige Hannes
Androsch buchstabiert der SPÖ, warum der alte Fürsorgestaat nicht
mehr leistbar ist. Der 75-jährige Verfassungsjurist Heinrich Neisser
macht der ÖVP öffentlich klar, warum die Ausfälle gegen die Justiz
einer staatstragenden Partei unwürdig sind.
In den Zirkeln der Macht sind die forschen Altvorderen wohlgelitten.
Lieber hätte man, sie zögen sich zurück. Niederschweigen lassen sie
sich nicht. Sie müssen nicht mehr die Räson über die Wahrheit
stellen. Das ist der Luxus der Jahresringe. Er verleiht geistige
Souveränität. Deshalb hört man den angstfreien Alten lieber zu als
den Zwänglern in den Apparaten. Sie genießen Ansehen in einer Zeit,
in der die institutionellen Autoritäten verblassen. Und: Sie werden
auch von den Jungen gemocht. Hessel-Lesungen haben Pop-Charakter wie
Freiluft-Messen des Papstes. Auch er bricht gerade auf.
Das Phänomen der Altenehrung ist längst auch in der Populärkultur zu
spüren. Zehntausende lauschten in den vergangenen Tagen der vertonten
Lebensberatung des 77-jährigen Udo Jürgens. Russland entsandte
Musikerinnen in der achten Lebensdekade zum Song-Contest. Im
Popgeschäft besitzen Dinos wie Springsteen oder Dylan ungebrochene
Strahlkraft. Und Hollywood krönte unlängst Meryl Streep, Sinnbild
anmutender Reife, für ihre Rolle als Eiserne Lady.
Sie alle besitzen, was Cicero in seiner Altersstudie dignitas und
gravitas nannte: Würde und Gewicht. Gerade in der digitalen Welt der
Beschleunigung und Beliebigkeit geben diese Ikonen Halt. Das erklärt
den Zuspruch. Wo nichts mehr von Dauer ist, schrieb die FAZ, jedes
Wissen sofort von anderem abgelöst werde und jedes Ereignis im Nu
wieder vergessen sei, wende man sich instinktiv dem Bewahrten zu.
Eine kluge Gesellschaft hört auf die Alten. Frühe Kulturen taten das
auch. Das Alter gibt mehr als es nimmt. Das ist in Zeiten wie diesen
etwas Exotisches und Kostbares. ****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
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