- 16.03.2012, 18:30:38
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Ein Präsident für die Guten"
Ausgabe vom 17. März 2012
Wien (OTS) - Die Wahl von Joachim Gauck zum deutschen
Bundespräsidenten ist weniger spannend als die Frage, was er in
diesem Amt wohl alles sagen und tun wird. Zwar warten vor allem
deutsche Politiker und Medien auf die ersten starken Worte des
72-jährigen Pastors, aber sie werden wohl Europa insgesamt
beschäftigen.
Gauck tritt leidenschaftlich für Freiheit ein, und - nach seinen
eigenen Worten - die damit verbundene "Ermächtigung". Der frühere
DDR-Bürgerrechtler steht damit ganz in der Tradition der
amerikanischen Gründerväter, die in der Unabhängigkeitserklärung das
- individuell definierte - "Streben nach Glück" als unveräußerliches
Recht des Menschen bezeichneten.
Gauck steht dazu, und es ist wohl kaum zu erwarten, dass er sich -
einmal als Präsident des größten Mitgliedstaates der EU im Amt -
plötzlich in wolkige Polit-Sprechblasen verirrt.
Auf europäischer Ebene wird Gauck schnell fündig werden, was dieser
Überzeugung widerspricht. Der menschenverachtende Umgang mit
Flüchtlingen an den EU-Außengrenzen und die nach wie vor fehlende
europäische Asyl-Regelung werden einem Joachim Gauck wohl nicht kalt
und schweigen lassen.
Was aber wird passieren, wenn der deutsche Präsident plötzlich zu
solchen Themen das Wort ergreift? Er wird gehört werden, obwohl er
keinerlei Kompetenzen dafür hat. Er wird in Widerspruch nicht nur mit
der eigenen, sondern mit allen EU-Regierungen treten. Die
Hilfsorganisationen, die das ständig kritisieren, werden in Joachim
Gauck einen Fürsprecher haben, auch wenn sie nicht in Deutschland
sitzen. Gauck ist eine Chance, der "Zivilgesellschaft" mehr Gehör zu
verschaffen.
Und er wird über kurz oder lang den Wohlfahrtsstaat neu definieren.
Sozial Schwachen soll nichts weggenommen werden. Aber aus der
Selbstverständlichkeit des Sozialstaates wurde immer mehr ein
Automatismus, der dem Einzelnen jegliche Verantwortung abnimmt.
Und wo es keine Verantwortung gibt, dort gibt es auch keinen
gesellschaftlichen Zusammenhalt. "Eine Welt ohne Ressentiments wäre
schon sehr nahe dem Himmelreich", sagte Gauck kürzlich im Wissen, das
wohl nicht zu erreichen. Aber es beständig zu versuchen, dazu wird er
ermuntern. Damit wird er nicht nur in Deutschland, sondern in ganz
Europa gehört werden - weil diese Worte aus Politikermund so selten
geworden sind.
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