WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Nur die späte Ost-Skepsis am Euro verwundert - von Daniela Friedinger

Das Scheitern an Maastricht liefert eine willkommene Ausrede

Wien (OTS) - Dem Euro, so scheint es, ist keine Ruhe vergönnt.
Kaum ist in Griechenland der Schuldenschnitt gelungen und das zweite Hilfspaket auf Schiene gebracht, bläst der Gemeinschaftswährung erneut rauer Wind entgegen, diesmal aus - ungewohnter - östlicher Richtung. So ist in Tschechien eine Debatte entflammt, ob und wann man den Euro einführen soll. Premier Petr Necas beteuerte zwar, dass sich das Land keinesfalls eine Ausnahme zum EU-Vertrag ausverhandeln wolle. Der Eurozone nicht beizutreten, wie es Präsident Vaclav Klaus gefordert hatte, komme nicht infrage. Tags darauf setzte Nationalbank-Gouverneur Miroslav Singer aber nach: Tschechien könne seine Krone frühestens 2017 gegen den Euro eintauschen.

Tschechien ist bei Weitem nicht das einzige Land, in dem sich die Zweifel am Euro mehren. In Polen etwa, das allgemein als großer Anhänger der Europäischen Union gilt, ist die Zustimmung zum Euro in der Bevölkerung von mehr als 70 Prozent auf deutlich unter 50 Prozent gesunken. Und während Premierminister Donald Tusk vor Ausbruch der Wirtschaftskrise 2008 noch meinte, zur Fußball-EM 2012 werde Polen nicht mehr in Zloty zahlen, wird mittlerweile längst kein Datum zur Euro-Einführung mehr genannt.

Die Tatsache, dass Zweifel am Euro aufkommen, ist an sich nicht verwunderlich, liefert die Schuldenkrise und der Rattenschwanz an Problemen, den sie nach sich zieht, doch genug Argumente gegen die Gemeinschaftswährung. Erstaunen lässt vielmehr, dass die Euro-Euphorie erst jetzt nachlässt und der Aufschrei nicht schon viel früher kam.

Über die Ursachen kann nur spekuliert werden. Einerseits ist den osteuropäischen Ländern natürlich bewusst, dass ein Aufbegehren gegen eines der wichtigsten Projekte Europas bei den alten EU-Ländern nicht gut ankommt, zumal man sich durch den EU-Beitritt ja zum Mitmachen an der Einheitswährung verpflichtet hat. Andererseits haben viele CEE-Staaten eine willkommene Ausrede, aufgrund derer die Frage des Euro-Beitritts für sie keine akute ist: Da sie die Maastricht-Kritierien derzeit nicht erfüllen, kann die Entscheidung getrost auf die lange Bank geschoben werden.

Dazu kommt, dass gerade die kleinen, unter Wechselkursschwankungen leidenden Volkswirtschaften auch um die Vorteile des Euro wissen. Insofern hat das späte Äußern von Vorbehalten wohl einen ganz banalen Grund: Osteuropa sieht die positiven Seiten der gemeinsamen Währung, ist aber, was das Beheben ihres einstigen Konstruktionsfehlers anbelangt, ebenso ratlos wie der Westen.

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