• 10.03.2012, 19:28:46
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Verblasster Schrecken" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 11.03.2012

Graz (OTS) - Furcht und Schauder waren in den Tragödien der
klassischen Dichtung nie nutzlos. Der Schrecken, der die Zuschauer
erfasste, sollte zu Erkenntnis und Läuterung führen. Ein Jahr nach
Fukushima erhebt sich die Frage, ob die Kaskade jener
Schicksalsschläge eine ähnliche Katharsis auslöste. Was ist von der
inneren Erschütterung geblieben? Hat sie zu einer Neubewertung des
Risikos atomarer Kraftwerke geführt, zu jener Energie-Wende, die man
lautstark ausrief?

Die Statistik sagt Nein. Neue Reaktorblöcke entstehen nicht nur in
den Schwellenländern, auch Europa macht unbeirrt weiter. Die deutsche
Schubumkehr fand kaum Nachahmer. Das Innehalten währte so kurz wie
die Umerziehungs-Pose des offiziellen Österreich, das sich endlich
auf der richtigen Seite der Geschichte wähnte, groß tat und klein
beigab.

Der globale Schrecken aus dem Vorjahr ist verblasst. So schnell wir
durch die Wucht der Bilder erhitzen, so rasch senkt sich die
Temperatur, wenn sich Affekt und Anteilnahme neuen Brennpunkten
zuwenden. Wie eine Gefühlshummel fliegt der Medien-Nutzer von einem
Weltschauplatz zum nächsten. Jahrestage sind da wichtige Widerhaken.
Die Erinnerung durchkreuzt das Kalkül derer, die in der Atom-Energie
Brüche scheuen.

Das Unglück von Fukushima hat die Mythen, mit denen die Atomenergie
begründet wurde, brachial demoliert. Dass diese "absolut sicher" und
"technisch beherrschbar" sei, dieser Kernsatz aus dem Katechismus der
Befürworter, ist ohne Scham nicht mehr buchstabierbar. Die
Risiko-Berechnung erfolgte unter Missachtung einer wesentlichen
Variablen, des Einflusses der Naturgewalt. Die Beherrschbarkeit hat
sich als Trugbild erwiesen wie die Beteuerung, Atomenergie sei
billig. Die Kostenrechnung ließ die Folgeschäden im Fall eines
Unglücks außer Acht. Das Leid hat keinen Buchungskreis. Das Ausmaß
der Zerstörung von Lebensraum und Wohlstand in Japan ist so
unermesslich wie die Furcht der Delogierten, denen niemand sagen
kann, wann die unsichtbare Verstrahlung zur sichtbaren Krankheit
wird.

Die Energie-Wende muss von unten kommen, oder sie bleibt fern. Zarte
Zeichen lassen hoffen. In Japan ist die Mehrheit erstmals gegen neue
Meiler. Früher bezog man den Stolz aus ihnen. Selbst in China nimmt
die Zustimmung ab. Es sind Signale einer Ausnüchterung. Sie muss auch
in den Wohlstandsgesellschaften stärker einsickern. Die Energie-Wende
kann nur gelingen, wenn die Wende im Kopf und in der Lebensführung
glückt. Das Anti-AKW-Pickerl ist schnell geklebt, die eigenen
Mobilitäts- und Wohlstandansprüche zu hinterfragen, ist die härtere
Übung.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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