- 08.03.2012, 18:30:31
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Es geht uns immer noch zu gut - von Esther Mitterstieler
Führungsriege bleibt dabei, sich die Realität schönzureden
Wien (OTS) - Es ist schon erstaunlich, wie gut es uns in
Österreich immer noch geht. Ein 27 Milliarden Euro schweres Steuer-
und Sparpaket soll uns bis 2016 ein sattes Nulldefizit bescheren. Die
Politiker haben sich mal wieder nicht getraut, einen wirklich neuen
Budgetpfad einzuschlagen. Nach dem Motto: Allen ein bisschen wehtun
ist allemal besser als es uns mit dem einen oder anderen unserer
Kernwähler zu verscherzen. Mut sieht anders aus. Dennoch bleibt die
politische Führungsriege anscheinend dabei, sich die Realität
schönzureden. Der Verlust des Triple A hat nicht gefruchtet. Solange
man sich über Griechenland echauffieren kann, scheint in Wien nicht
aller Tage Abend zu sein. Der internationale Bankenverband IIF warnt
vor den katastrophalen Folgen einer griechischen Pleite, was Spanien
und Italien gehörig belasten würde. Das sind Szenarien wie jene, die
auch Ratingagenturen aufgestellt haben. Erinnern wir uns: Lehman
Brothers bekam kurz vor dem Crash die Topbonität mit dem Triple A
attestiert.
Jetzt Spanien oder Italien in den Keller zu reden, schadet bloß auch
allen anderen Ländern in Europa. Italiens Banken mögen eine schwache
Eigenkapitalrendite haben, sie haben aber im Gegensatz zu den
österreichischen keine milliardenschweren Geldspritzen von
staatlicher Seite in Anspruch genommen. In manchen Belangen kann
Italien unter Premierminister Mario Monti ein glänzendes Vorbild für
Österreich sein. Der Neoliberale mit starkem Hang zu ausgleichender
Solidarität mit den Ärmeren hat in Italien in wenigen Monaten das
nach 17 Jahren Berlusconismus erodierte Selbstbewusstsein wieder
hergestellt. Der Professore gefällt den Italienern so gut, dass sie
ihn bei den nächsten Wahlen allen anderen politischen Parteien
vorziehen würden. Die Leute wollen also regiert werden, auch wenn es
Strapazen für sie bedeutet.
Monti schickt sich mit seiner Expertentruppe an, heilige Kühe
vergessen zu machen. Das Dickicht an Bürokratismus und Klientelismus
wird dadurch sicher dünner werden. Viel wird dem Wirtschaftsfachmann
gelingen, vieles auch nicht. Vieles, was er macht, mag richtig sein,
manches nicht. Was Österreichs Politiker allemal von dem Mann lernen
könnten, ist Mut. Wer Mut hat, gewinnt Wahlen. Die Wähler vertragen
die Wahrheit. Deswegen brauchen wir endlich eine richtige
Verwaltungsreform.
Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
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