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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Genug gekreuzigt"
Ausgabe vom 9. März 2012
Wien (OTS) - Endlich ausgestanden. Man muss nicht eschatologisch
angehaucht sein, um ein Gefühl der Erlösung zu empfinden, dass der
Abschied Christian Wulffs aus dem Amt des Bundespräsidenten endlich
vollzogen ist. Für Wulff, aber mindestens so sehr auch für das
Ansehen des Amtes und der gesamten Politik.
Ja, Wulff war den moralischen - und damit auch politischen -
Anforderungen als Staatsoberhaupt Deutschlands nicht gewachsen. Ja,
es war richtig, dass er zurückgetreten ist. Und ja, die auf ihn
medial niederprasselnde Kritik war in ihrem Kern berechtigt (ihre
Substanz im Sinne des Strafrechts zu prüfen, ist nun die
Angelegenheit der Gerichte).
Aber Häme und Spott, mit denen der gefallene Aufsteiger in den
vergangenen Wochen bedacht wurde, haben jegliches Maß für
Verhältnismäßigkeit verloren. Die Berichterstattung der vergangenen
Tage drehte sich nur noch darum, den endgültigen Abgang als einzige
große Demütigung zu inszenieren. Und Wulff ist hierfür beileibe nicht
das einzige Beispiel.
Woher kommt diese ungehemmte Lust, auf einen ohnehin bereits auf dem
Boden Liegenden noch weiter hinzutreten, diesen auch noch der letzten
Reste seiner Würde als Mensch und Politiker zu berauben? Wulff hat
gesündigt, und dafür muss er - und soll er auch - büßen. Aber muss
deshalb jede einzelne Absage der Teilnahme am Zapfenstreich
genüsslich aufgezählt und hämisch bejubelt werden? Nicht nur von
Kabarettisten und Krawallblättern wohlgemerkt, die sich an der
eigenen Unangreifbarkeit ergötzen, sondern auch von der seriösen
Presse.
Öffentliche Hinrichtungen hatten zu allen Zeiten ihren ganz eigenen
Reiz - für die Eliten wie für die Massen. Heute werden sie unter
aufgeklärten Menschen wenigstens nur noch im virtuellen Raum
vollzogen. Immerhin ein Fortschritt. Ein archaisches Ritual, bei dem
es einzig und allein um die Vernichtung des Delinquenten geht, bleibt
es dennoch.
Was so verstört, ist die ungezügelte Bereitschaft der Politik, bei
diesem Kesseltreiben mitzumachen, solange es nur niemanden aus dem
eigenen Lager betrifft. Schadenfreude benebelt die Sinne. Denn im
Kern verlässt das Spielfeld regelmäßig die gesamte politische Klasse
als Verlierer. Mit dem Ruf der Personen verlieren auch die
Institutionen einen weiteren Teil ihres ohnehin bröckelnden Ansehens.
www.wienerzeitung.at/leitartikel
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