• 03.03.2012, 18:38:39
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"Kleine Zeitung"-Kommentar: "Mehr als das Türschild" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 4.03.2012

Graz (OTS) - Die Neue Mittelschule ist gut. Die AHS sollten sich
ihr unten öffnen und oben elitär sein.

Im Herbst wird die Neue Mittelschule zur Regelschule. Sie schält sich
aus der alten Hauptschule heraus, die schrittweise abgestreift wird.
Diese Häutung war richtig und notwendig, weil die Marke Hauptschule
im urbanen Raum zur Restschule verkommen ist, die sich vom Stigma der
negativen Auslese nicht mehr befreien konnte. An diesen Schulen
trafen gebrandmarkte Kinder aus benachteiligten sozialen und
ethnischen Milieus auf überforderte, alleingelassene Pädagogen. Für
die ländlichen Hauptschulen traf dieses Zustandsbild nicht zu, aber
die Beeinträchtigung der Marke übertrug sich und schlug sich auch
hier nieder.

Ist die Neue Mittelschule nur ein Re-Branding, wie Marketing-Experten
sagen würden, eine kosmetische Politur des Namenschildes, ein
Markenschwindel? Mit dieser Mutmaßung muss die Neue Mittelschule
leben, seit es sie gibt.

Der Vorwurf stimmt so nicht. Das sagt nicht nur die
Unterrichtsministerin, die Patronin der neuen Schulform, die das
sagen muss, das sagen auch viele Lehrer und Direktoren, die in ihren
Häusern die Mittelschule erproben. Das größte Asset ist eine neue
Lehr- und Lernkultur, die in diesen Schulen eingeübt und durch
zusätzliche Ressourcen ermöglicht wird. In den Hauptfächern
unterrichten zwei Pädagogen. Damit lassen sich die kognitiv
robusteren Schüler gezielter fordern und die schwächeren besser
fördern. Nach-Hilfe findet im System statt und nicht außerhalb.
Analog dazu soll künftig innerhalb des Klassenverbands mit zwei
verzahnten Benotungssystemen operiert werden, eines nimmt Maß an
einem Basis-Niveau, das andere an einem gehobenen Bildungsstandard.
Nur wer dort positiv abschließt, darf in die Beletage des
Oberstufen-Gymnasiums. Das klingt nach entstaubtem A- und B-Zug
innerhalb ein- und derselben Gruppe, nach Differenzierung ohne
Spaltung und Brandmal. Einebnung auf unterster Luke suggeriert das
Konzept nicht, im Gegenteil: Der pädagogische Ansatz ist zeitgemäß
und anspruchsvoll; er ist ehrgeiziger als im Parallelsystem der
unteren AHS.

Das bedeutet nicht, dass in der Neuen Mittelschule die besseren,
moderneren Pädagogen arbeiten, sie finden nur die besseren,
moderneren Rahmenbedingungen vor, und man fragt sich: Warum nicht für
alle 10- bis 14-Jährigen unter einem Markendach? Hier endet die
Vernunft und beginnt die Ideologie.

Die Qualität der Neuen Mittelschule wird wesentlich davon abhängen,
ob die nötigen Ressourcen auch weiterhin bereitgestellt werden.
Versiegen sie, versiegt auch der Anspruch. Dann bliebe tatsächlich
nur das retuschierte Türschild. ****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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