Wirtschaftsblatt-Leitartikel: Die Herausforderung des Sklavendaseins - von Wolfgang Unterhuber

Das "System Putin" steht am Scheideweg

Wien (OTS) - Nach dem Ende seiner zweiten Periode als Präsident
gab Wladimir Putin der Öffentlichkeit Einblicke in sein Innenleben. "Die ganzen Jahre habe ich wie ein Sklave von morgens bis abends geschuftet", sagte er da. Oder: "Das ist meine lang erwartete Freiheit, das Ende meiner Amtszeit." Was irgendwie nach Burn-out klingt, war natürlich nur Koketterie. Jetzt also kehrt der 59-jährige ehemalige Geheimdienstchef zurück ins Sklavendasein. Am kommenden Sonntag werden ihn die Russen erneut zum Präsidenten wählen. Seine Wahl ins höchste Amt ist systembedingt, weil es keine Alternativen gibt bzw. solche Alternativen im "System Putin" erst gar nicht zugelassen werden. Wir in Österreich kennen das ja. Egal, was man wählt - es kommt immer dasselbe dabei heraus.

Man mag im Westen Putin und seine bonapartistische Diktatur noch so kritisieren: Putin steht für Berechenbarkeit. Auch, wenn diese Berechenbarkeit Korruption (dürfen wir Österreicher die Russen da noch kritisieren?) oder Aufrüstung heißt. Das Gegenteil dieser Berechenbarkeit war die Jelzin-Ära der 90er-Jahre, die ökonomisch in die berühmt-berüchtigte Russland-Krise mündete. Das sitzt den Russen heute noch in den Knochen. Das - und der Zerfall des Sowjetreiches.

Es ist diese Sehnsucht nach alter Größe, die die Russen antreibt; sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft. Wer Russland annähernd verstehen will, egal, ob als ausländischer Investor oder als Politiker, muss diese Sehnsucht berücksichtigen. Und schließlich ist Russland - weder Europa noch Asien - ein eigener Kosmos. Deshalb hat das Land auf dem weltpolitischen Parkett keine wirklichen Freunde - hatte es nie und will es auch nicht. Alle (naiven) Versuche der Europäer und Amerikaner, die Russen für sich zu vereinnahmen, sind deshalb zum Scheitern verurteilt.

Die nächsten Jahre werden jedenfalls entscheidend. Und da geht es primär um die Entwicklung der ökonomischen Struktur. Kann sich Russland aus seiner Rohstoffabhängigkeit lösen (die zugleich Fluch und Segen ist) oder verkommt es zu einer byzantinischen Oligarchie? Putin weiß um diese Herausforderung. Sie ist ja das Ergebnis seiner bisherigen Politik. Und er weiß auch, dass er nicht scheitern darf. Schließlich will er in fünf Jahren den hundertsten Jahrestag der Revolution noch als Präsident erleben.

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