• 01.03.2012, 18:30:01
  • /
  • OTS0304 OTW0304

Wirtschaftsblatt-Leitartikel: Die Herausforderung des Sklavendaseins - von Wolfgang Unterhuber

Das "System Putin" steht am Scheideweg

Wien (OTS) - Nach dem Ende seiner zweiten Periode als Präsident
gab Wladimir Putin der Öffentlichkeit Einblicke in sein Innenleben.
"Die ganzen Jahre habe ich wie ein Sklave von morgens bis abends
geschuftet", sagte er da. Oder: "Das ist meine lang erwartete
Freiheit, das Ende meiner Amtszeit." Was irgendwie nach Burn-out
klingt, war natürlich nur Koketterie. Jetzt also kehrt der 59-jährige
ehemalige Geheimdienstchef zurück ins Sklavendasein. Am kommenden
Sonntag werden ihn die Russen erneut zum Präsidenten wählen. Seine
Wahl ins höchste Amt ist systembedingt, weil es keine Alternativen
gibt bzw. solche Alternativen im "System Putin" erst gar nicht
zugelassen werden. Wir in Österreich kennen das ja. Egal, was man
wählt - es kommt immer dasselbe dabei heraus.

Man mag im Westen Putin und seine bonapartistische Diktatur noch so
kritisieren: Putin steht für Berechenbarkeit. Auch, wenn diese
Berechenbarkeit Korruption (dürfen wir Österreicher die Russen da
noch kritisieren?) oder Aufrüstung heißt. Das Gegenteil dieser
Berechenbarkeit war die Jelzin-Ära der 90er-Jahre, die ökonomisch in
die berühmt-berüchtigte Russland-Krise mündete. Das sitzt den Russen
heute noch in den Knochen. Das - und der Zerfall des Sowjetreiches.

Es ist diese Sehnsucht nach alter Größe, die die Russen antreibt;
sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft. Wer Russland
annähernd verstehen will, egal, ob als ausländischer Investor oder
als Politiker, muss diese Sehnsucht berücksichtigen. Und schließlich
ist Russland - weder Europa noch Asien - ein eigener Kosmos. Deshalb
hat das Land auf dem weltpolitischen Parkett keine wirklichen Freunde
- hatte es nie und will es auch nicht. Alle (naiven) Versuche der
Europäer und Amerikaner, die Russen für sich zu vereinnahmen, sind
deshalb zum Scheitern verurteilt.

Die nächsten Jahre werden jedenfalls entscheidend. Und da geht es
primär um die Entwicklung der ökonomischen Struktur. Kann sich
Russland aus seiner Rohstoffabhängigkeit lösen (die zugleich Fluch
und Segen ist) oder verkommt es zu einer byzantinischen Oligarchie?
Putin weiß um diese Herausforderung. Sie ist ja das Ergebnis seiner
bisherigen Politik. Und er weiß auch, dass er nicht scheitern darf.
Schließlich will er in fünf Jahren den hundertsten Jahrestag der
Revolution noch als Präsident erleben.

Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWB

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel