• 29.02.2012, 12:45:17
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Drogenkonsum: Sucht als chronische Erkrankung

Interdisziplinäres Symposium zur Suchterkrankung in Grundlsee

Grundlsee (OTS) - Wie bei einem interdisziplinären Symposium zur
Suchterkrankung festgehalten wurde leiden in der EU 38,2 Prozent der
Bevölkerung an einer psychischen Störung. Das sind insgesamt 164,8
Millionen Betroffene. Die häufigsten Störungen sind Angststörungen,
Schlaflosigkeit, Depression und Suchterkrankungen. In Österreich sind
etwa 15 Prozent der Bevölkerung von Alkohol, knapp ein Prozent von
Opiaten und ca. zwei Prozent von Kokain abhängig. Sieben von zehn
Jugendlichen haben Konsumerfahrungen mit Cannabis und ca. ein Prozent
ist von Spielsucht betroffen. Beim Interdisziplinären Symposium zur
Suchterkrankung Mitte Februar in Grundlsee bemängelten Experten das
Fehlen epidemiologischer wissenschaftlicher Untersuchungen für
Suchterkrankungen. Dabei wurde die Behandlung von Suchterkranken aus
medizinischer, psychologischer und rechtlicher Sicht diskutiert. +++

"Interdisziplinäres Symposium zur Suchterkrankung: Medizinische,
psychologische, psychosoziale und juristische Aspekte" - unter diesem
Motto trafen am 17. und 18. Februar 2012 in der Suchttherapie tätige
Experten aus ganz Österreich in Grundlsee, Steiermark zusammen. Auf
der Tagesordnung der Konferenz stand eine breite Auswahl von Themen -
von psychiatrischen und somatischen Begleiterkrankungen von
Suchtkranken und deren Therapie über strafrechtliche Aspekte und
Risiken für Ärzte, die opioidabhängige Patienten betreuen, bis hin zu
Aufgaben der Klinischen Psychologie und Sozialarbeit in der
Suchtdiagnostik und -therapie.

Im Rahmen des Symposiums fand eine Podiumsdiskussion zum Thema
"Sucht als chronische Erkrankung - Akzeptanz, Herausforderungen und
aktuelle Entwicklungen im Bereich der Opioid-Erhaltungstherapie"
statt. Bei dieser sprachen sich die Diskutanten gegen eine
Ausgrenzung von Menschen mit Suchtverhalten und für eine
Entstigmatisierung von Suchtkranken aus. Am Podium diskutierten
Univ.-Prof. Gabriele Fischer, Leiterin der Drogenambulanz,
Suchtforschung und -therapie der Medizinischen Universität Wien,
Univ.-Prof. Anton Luger, Leiter der Klinischen Abteilung für
Endokrinologie & Stoffwechsel der Universitätsklinik für Innere
Medizin III an der Medizinischen Universität Wien, Mag. Ulla Konrad,
Präsidentin des Berufsverbands österreichischer PsychologInnen und
Univ.-Prof. Alois Birklbauer, Leiter der Abteilung für Praxis der
Strafrechtswissenschaften und Medizinstrafrecht an der
Johannes-Kepler-Universität Linz.

Entstigmatisierung und Verhaltensänderung bei Sucht

Univ.-Prof. Fischer stellte die Problematik der Suchterkrankung
dar: "Sucht ist eine schwerwiegende psychiatrische Erkrankung, der
Zugang zur Behandlung in Österreich ist sicher zu verbessern. Diese
Krankheit muss optimal behandelt werden - wie andere Krankheiten
auch. Suchterkrankungen sind weder ein Zeichen von Schwäche noch ein
Charakterfehler, daher sind Vorurteile gegen Suchtkranke völlig
unangebracht", betonte Univ.-Prof. Fischer eingangs. Gerade Eltern
betroffener Jugendlicher sind zusätzlich zur Suchterkrankung ihres
Kindes von Schamgefühl und Schuldzuweisungen betroffen. Neben der
Behandlung mit Medikamenten ist eine Verhaltensmodifikation der
Patienten notwendig, dazu braucht es das Angebot entsprechender
Schulungen. "Suchtbehandlungen sollten in das Gesundheitssystem
integriert werden um neben einem verbesserten Behandlungszugang eine
Entstigmatisierung zu erreichen. Die Zahl der Opioid-Abhängigen, die
sich in Österreich in einer ärztlich kontrollierten
Opioid-Erhaltungstherapie befinden, ist in den letzten zehn Jahren
deutlich gestiegen - von etwa 4500 auf rund 13.500. Etwa 30 Prozent
der opioidabhängigen Personen unterziehen sich einer
Erhaltungstherapie. Trotzdem haben wir noch Nachholbedarf bei der
Anzahl behandelter Patienten - unser Ziel ist es, möglichst viele
Opioid-Abhängige zu erreichen", war Univ.-Prof. Fischer überzeugt.
Univ.-Prof. Luger erklärte, dass zwar insbesondere Typ-2-Diabetikern
nicht immer ausreichend Verständnis entgegengebracht wird und sie
durch ihr häufig bestehendes Übergewicht von der Gesellschaft
marginalisiert werden, trotzdem hätten diese einen wesentlich
leichteren Stand als andere Menschen mit Suchterkrankungen - auch was
den Zugang zu Behandlungsmöglichkeiten betrifft. Dies obwohl bei
Typ-2-Diabetikern meist auch eine Art Sucht, die Ess-Sucht, die viele
Parallelen zu anderen Suchterkrankungen aufweist, die Basis für die
Manifestation der Erkrankung darstellt. Univ.-Prof. Luger zeigte als
Beispiel für Verhaltensmodifikationen die Diabetes-Therapie auf:
"Neben Medikamenten wird in der Therapie von Diabetes auf
Verhaltensänderungen gesetzt, da dadurch die Häufigkeit von
Spätkomplikationen wie Erblindung, Herzinfarkt, Schlaganfall,
Nierenversagen und Amputationen gesenkt werden kann."

Abwertung psychischer Erkrankungen in der Öffentlichkeit

Mag. Ulla Konrad erläuterte, dass gerade Psychologen zu einer
Verbesserung der Situation von Suchtkranken wesentlich beitragen
können. "Im Suchtbereich hat unsere Berufsgruppe zwei sehr wichtige
Aufgabenbereiche: Etwa die klinisch-psychologische Diagnostik, um
auch psychische Begleiterkrankungen feststellen zu können. Der zweite
Teil ist die klinisch-psychologische Behandlung mit gezielten
Methoden. Hier haben wir derzeit eine Lücke in der Versorgung im
niedergelassenen Bereich. Zudem besteht im Bereich der
Entstigmatisierung und Gleichstellung der psychischen Erkrankungen
wie Suchterkrankungen mit den somatischen Erkrankungen noch sehr
großer Nachholbedarf. Gerade die Abwertung psychischer Erkrankungen
bekommen wir bei der breiten Öffentlichkeit schwer aus den Köpfen",
stellte Mag. Konrad fest.

Besitz von Suchtgift strafbar, nicht der Konsum

Aus Sicht der juristischen Perspektive erklärte Univ.-Prof. Alois
Birklbauer die Rolle des Strafrechts, das lediglich zum Schutz von
Werten eingesetzt werden darf, die der Staat mit anderen Mitteln
nicht schützen kann. Das Strafrecht dürfe in einer demokratischen
Gesellschaft immer nur das letzte Mittel sein. "Im
Suchtmittelstrafrecht ist der zu schützende Wert die Gesundheit der
Menschen. In diesem Bereich macht die Gesellschaft eine
grundsätzliche Ausnahme vom sonst geltenden Autonomieprinzip. So darf
sich etwa jeder noch so unvernünftig ernähren - er darf zum
Typ-2-Diabetiker werden - ohne dafür bestraft zu werden. Bei
Suchtmitteln ist dies allerdings anders. Obwohl der Konsum von
Suchtgift in Österreich nicht strafbar ist, wird über die
Strafbarkeit des Besitzes von Suchtgift letztlich indirekt eine
Kriminalisierung des Konsums und damit der eigenen
Gesundheitsgefährdung erreicht. Dies ist ein gespaltener Umgang mit
dem Thema. Die Gefährdung anderer Menschen durch ein Drängen in die
Abhängigkeit soll zwar strafbar sein, nicht aber das Risikoverhalten,
das ein Mensch seiner eigenen Gesundheit gegenüber setzt", so
Univ.-Prof. Birklbauer abschließend.

Die Presseunterlagen finden Sie auch im Pressecorner auf
www.welldone.at zum Download.

Fotos zur Veranstaltung können Sie gerne unter [email protected]
anfordern.

Rückfragehinweis:
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Tel.: 01/402 13 41-37 E-Mail: [email protected]

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