Drogenkonsum: Sucht als chronische Erkrankung

Interdisziplinäres Symposium zur Suchterkrankung in Grundlsee

Grundlsee (OTS) - Wie bei einem interdisziplinären Symposium zur Suchterkrankung festgehalten wurde leiden in der EU 38,2 Prozent der Bevölkerung an einer psychischen Störung. Das sind insgesamt 164,8 Millionen Betroffene. Die häufigsten Störungen sind Angststörungen, Schlaflosigkeit, Depression und Suchterkrankungen. In Österreich sind etwa 15 Prozent der Bevölkerung von Alkohol, knapp ein Prozent von Opiaten und ca. zwei Prozent von Kokain abhängig. Sieben von zehn Jugendlichen haben Konsumerfahrungen mit Cannabis und ca. ein Prozent ist von Spielsucht betroffen. Beim Interdisziplinären Symposium zur Suchterkrankung Mitte Februar in Grundlsee bemängelten Experten das Fehlen epidemiologischer wissenschaftlicher Untersuchungen für Suchterkrankungen. Dabei wurde die Behandlung von Suchterkranken aus medizinischer, psychologischer und rechtlicher Sicht diskutiert. +++

"Interdisziplinäres Symposium zur Suchterkrankung: Medizinische, psychologische, psychosoziale und juristische Aspekte" - unter diesem Motto trafen am 17. und 18. Februar 2012 in der Suchttherapie tätige Experten aus ganz Österreich in Grundlsee, Steiermark zusammen. Auf der Tagesordnung der Konferenz stand eine breite Auswahl von Themen -von psychiatrischen und somatischen Begleiterkrankungen von Suchtkranken und deren Therapie über strafrechtliche Aspekte und Risiken für Ärzte, die opioidabhängige Patienten betreuen, bis hin zu Aufgaben der Klinischen Psychologie und Sozialarbeit in der Suchtdiagnostik und -therapie.

Im Rahmen des Symposiums fand eine Podiumsdiskussion zum Thema "Sucht als chronische Erkrankung - Akzeptanz, Herausforderungen und aktuelle Entwicklungen im Bereich der Opioid-Erhaltungstherapie" statt. Bei dieser sprachen sich die Diskutanten gegen eine Ausgrenzung von Menschen mit Suchtverhalten und für eine Entstigmatisierung von Suchtkranken aus. Am Podium diskutierten Univ.-Prof. Gabriele Fischer, Leiterin der Drogenambulanz, Suchtforschung und -therapie der Medizinischen Universität Wien, Univ.-Prof. Anton Luger, Leiter der Klinischen Abteilung für Endokrinologie & Stoffwechsel der Universitätsklinik für Innere Medizin III an der Medizinischen Universität Wien, Mag. Ulla Konrad, Präsidentin des Berufsverbands österreichischer PsychologInnen und Univ.-Prof. Alois Birklbauer, Leiter der Abteilung für Praxis der Strafrechtswissenschaften und Medizinstrafrecht an der Johannes-Kepler-Universität Linz.

Entstigmatisierung und Verhaltensänderung bei Sucht

Univ.-Prof. Fischer stellte die Problematik der Suchterkrankung dar: "Sucht ist eine schwerwiegende psychiatrische Erkrankung, der Zugang zur Behandlung in Österreich ist sicher zu verbessern. Diese Krankheit muss optimal behandelt werden - wie andere Krankheiten auch. Suchterkrankungen sind weder ein Zeichen von Schwäche noch ein Charakterfehler, daher sind Vorurteile gegen Suchtkranke völlig unangebracht", betonte Univ.-Prof. Fischer eingangs. Gerade Eltern betroffener Jugendlicher sind zusätzlich zur Suchterkrankung ihres Kindes von Schamgefühl und Schuldzuweisungen betroffen. Neben der Behandlung mit Medikamenten ist eine Verhaltensmodifikation der Patienten notwendig, dazu braucht es das Angebot entsprechender Schulungen. "Suchtbehandlungen sollten in das Gesundheitssystem integriert werden um neben einem verbesserten Behandlungszugang eine Entstigmatisierung zu erreichen. Die Zahl der Opioid-Abhängigen, die sich in Österreich in einer ärztlich kontrollierten Opioid-Erhaltungstherapie befinden, ist in den letzten zehn Jahren deutlich gestiegen - von etwa 4500 auf rund 13.500. Etwa 30 Prozent der opioidabhängigen Personen unterziehen sich einer Erhaltungstherapie. Trotzdem haben wir noch Nachholbedarf bei der Anzahl behandelter Patienten - unser Ziel ist es, möglichst viele Opioid-Abhängige zu erreichen", war Univ.-Prof. Fischer überzeugt. Univ.-Prof. Luger erklärte, dass zwar insbesondere Typ-2-Diabetikern nicht immer ausreichend Verständnis entgegengebracht wird und sie durch ihr häufig bestehendes Übergewicht von der Gesellschaft marginalisiert werden, trotzdem hätten diese einen wesentlich leichteren Stand als andere Menschen mit Suchterkrankungen - auch was den Zugang zu Behandlungsmöglichkeiten betrifft. Dies obwohl bei Typ-2-Diabetikern meist auch eine Art Sucht, die Ess-Sucht, die viele Parallelen zu anderen Suchterkrankungen aufweist, die Basis für die Manifestation der Erkrankung darstellt. Univ.-Prof. Luger zeigte als Beispiel für Verhaltensmodifikationen die Diabetes-Therapie auf:
"Neben Medikamenten wird in der Therapie von Diabetes auf Verhaltensänderungen gesetzt, da dadurch die Häufigkeit von Spätkomplikationen wie Erblindung, Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenversagen und Amputationen gesenkt werden kann."

Abwertung psychischer Erkrankungen in der Öffentlichkeit

Mag. Ulla Konrad erläuterte, dass gerade Psychologen zu einer Verbesserung der Situation von Suchtkranken wesentlich beitragen können. "Im Suchtbereich hat unsere Berufsgruppe zwei sehr wichtige Aufgabenbereiche: Etwa die klinisch-psychologische Diagnostik, um auch psychische Begleiterkrankungen feststellen zu können. Der zweite Teil ist die klinisch-psychologische Behandlung mit gezielten Methoden. Hier haben wir derzeit eine Lücke in der Versorgung im niedergelassenen Bereich. Zudem besteht im Bereich der Entstigmatisierung und Gleichstellung der psychischen Erkrankungen wie Suchterkrankungen mit den somatischen Erkrankungen noch sehr großer Nachholbedarf. Gerade die Abwertung psychischer Erkrankungen bekommen wir bei der breiten Öffentlichkeit schwer aus den Köpfen", stellte Mag. Konrad fest.

Besitz von Suchtgift strafbar, nicht der Konsum

Aus Sicht der juristischen Perspektive erklärte Univ.-Prof. Alois Birklbauer die Rolle des Strafrechts, das lediglich zum Schutz von Werten eingesetzt werden darf, die der Staat mit anderen Mitteln nicht schützen kann. Das Strafrecht dürfe in einer demokratischen Gesellschaft immer nur das letzte Mittel sein. "Im Suchtmittelstrafrecht ist der zu schützende Wert die Gesundheit der Menschen. In diesem Bereich macht die Gesellschaft eine grundsätzliche Ausnahme vom sonst geltenden Autonomieprinzip. So darf sich etwa jeder noch so unvernünftig ernähren - er darf zum Typ-2-Diabetiker werden - ohne dafür bestraft zu werden. Bei Suchtmitteln ist dies allerdings anders. Obwohl der Konsum von Suchtgift in Österreich nicht strafbar ist, wird über die Strafbarkeit des Besitzes von Suchtgift letztlich indirekt eine Kriminalisierung des Konsums und damit der eigenen Gesundheitsgefährdung erreicht. Dies ist ein gespaltener Umgang mit dem Thema. Die Gefährdung anderer Menschen durch ein Drängen in die Abhängigkeit soll zwar strafbar sein, nicht aber das Risikoverhalten, das ein Mensch seiner eigenen Gesundheit gegenüber setzt", so Univ.-Prof. Birklbauer abschließend.

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