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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das Oscar-Universum ist global und provinziell" (von Walter Titz)
Ausgabe vom 28.02.2012
Graz (OTS) - N ach 83 Jahre geht der Oscar für den "Besten
Film" erstmals wieder an einen Stummfilm. Vor 83 Jahren ging er
erstmals an zwei Stummfilme. Und (bis gestern) letztmals. William
Wellmans "Wings" und F. W. Murnaus "Sunrise" zählten zu den letzten
ihrer Art. Nur die erste Oscar-Gala der Geschichte gehörte dem
Stummfilm.
Dennoch ist die Entscheidung für "The Artist" so erstaunlich nicht.
Es drängt sich nachgerade die Feststellung auf, dass immer wieder
nichtssagende Filme mit diesem (und anderen Preisen) bedacht werden.
Viel erstaunlicher ist, dass mit "The Artist" die erwähnte
Auszeichnung erstmals an einen Film geht, der nicht amerikanischer
oder britischer Provenienz ist, sondern in Frankreich produziert
wurde.
Warum? Weil die sich als höchste Auszeichnung des Weltkinos
gebärdende Trophäe tatsächlich eine des englischsprachigen Films ist.
Die paradoxe Leistung von "The Artist" ist es, das deutlich zu
machen. Nur als Stummfilm (in dem zwei englische Wörter fallen: "Wiss
pläscha!") konnte es Michel Hazanavicius' charmantes, aber
belangloses Werk auf fünf goldfarbene Statuen bringen.
Als Tonfilm hätte er nur eine einzige Chance gehabt, nämlich die,
"Bester fremdsprachiger Film" zu werden. Seit 1956 gibt es diese
Alibikategorie offiziell (ab 1947 wird das "Fremde" von der die
Preise vergebenden Academy immerhin wahrgenommen). Für sie werden aus
der weltweiten Produktion jährlich fünf (!) Filme ausgewählt. 20
Jahre ist es her, dass die glorreiche Filmnation Frankreich einen
Oscar einheimsen konnte, mit "Indochine" von Régis Wargnier.
Daran sei gleich eine weitere Frage angeschlossen: Was wurde
eigentlich aus Wargnier? Was wurde aus Stefan Ruzowitzky, dessen "Die
Fälscher" 2007 den Oscar nach Österreich brachten? Er drehte einen
Kinderfilm (verachtet mir das Genre nicht!) und Werbespots mit
sprechenden Ferkeln. Und ließ sich endlich doch in die USA locken.
Für heuer ist der Thriller "Blackbird" angekündigt. Möge er dem
Wiener mehr Glück bringen als "The Tourist" dem österreichnahen
Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck (2006 für "Das
Leben der Anderen").
Welche Folgen könnten die Oscars für Hazanavicius haben? Vielleicht
bietet man ihm die Regie beim amerikanischen Remake von "The Artist"
an. Mit Johnny Depp und Scarlett Johansson in den Hauptrollen. Der
frankophile Johnny dürfte dann am Ende "Avec plaisir" sagen - und
wäre trotzdem kein Fremdling im global-provinziellen
Oscar-Universum.****
Rückfragehinweis:
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