- 23.02.2012, 14:58:08
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"Kindgerechte und geprüfte Arzneimittel für Kinder werden benötigt"
Wien (OTS) - Kindern werden oft Arzneimittel verabreicht, deren
Wirkung und Sicherheit bisher nur an Erwachsenen geprüft wurden,
viele der heute in der Kinderheilkunde verwendeten Medikamente wurden
dafür weder untersucht noch zugelassen. Das Fehlen von eigens auf
Kinder angepasste Arzneimittel birgt Gefahren: So erhöhen inadäquate
Dosierungsinformationen das Risiko von Nebenwirkungen - oder die
Behandlung ist aufgrund zu niedriger Dosierung unwirksam. Klinische
Studien an Kindern wurden in der Vergangenheit als unethisch
angesehen. Inzwischen weiß man aber, dass gut geplante, auf die
Bedürfnisse von Kindern zugeschnittene klinische Studien die einzige
Möglichkeit darstellen, geeignete Arzneimittel für Kinder verfügbar
zu machen. Neue Gesetze regeln und fördern klinische Prüfungen bei
Kindern. +++
Bei einem Runden Tisch der Oberösterreichischen Apothekerkammer
zum Thema "Kinderarzneimittel - Status quo - Chancen für die Zukunft"
Ende Jänner in Linz diskutierten Experten aus dem Gesundheitswesen
über das Fehlen von Kinderarzneimitteln in Österreich und das
mangelnde Bewusstsein über die dringende Notwendigkeit von Studien zu
Kinderarzneimitteln, um für Kinder eine adäquate
Medikamentenversorgung sicherstellen zu können.
Missstände in der Versorgung mit Kinderarzneimitteln
Univ. Prof. Dr. Christoph Male von der Universitätsklinik für
Kinder- und Jugendheilkunde Wien wünscht sich eine Sensibilisierung
des Themas Kinderarzneimittel: "Ich sehe mich täglich mit den
Missständen in der Versorgung mit Kinderarzneimitteln konfrontiert.
Ein Großteil der Arzneimittel, die für Erwachsene zugelassen sind,
wurden bis dato für Kinder weder geprüft noch zugelassen.." Zudem
wies er darauf hin, dass sich das Nebenwirkungsprofil von
Medikamenten bei Kindern von dem bei Erwachsenen unterscheiden könne.
Kinder seien in Studien, die Bedürfnisse von Kindern Rücksicht
nehmen, besser aufgehoben, als Kinder, die in der Routine mit nicht
zugelassenen, ungeeigneten Arzneimitteln behandelt werden. Die
Pharmaindustrie sah laut Male früher keine Veranlassung,
Kinderstudien durchzuführen. Heute sei die Industrie aber durch die
Einführung einer EU-Verordnung sogar dazu gezwungen, ihre Medikamente
auch für Kinder zu entwickeln und zuzulassen.
EU-Verordnung zu Kinderarzneimitteln: ein wesentlicher Schritt zur
Verbesserung
Dr. Christoph Baumgärtel von der Österreichischen Agentur für
Gesundheit und Ernährungssicherheit, Bereich PharmMed (AGES) meint
dazu: "Bevor ein Humanarzneimittel in den Verkehr gebracht wird, muss
es normalerweise umfassende Studien, einschließlich vorklinische und
klinische Prüfungen in der entsprechenden Zielgruppe durchlaufen
haben, um sicherzustellen, dass das Arzneimittel sicher, von hoher
Qualität und wirksam ist. Diese Vorsichtsmaßnahme galt wegen der
heiklen Ethikfrage aber lange Zeit nicht für Kinder. Erst seit dem
Erlass einer EU-Verordnung 2006 gilt für sämtliche Mitgliedsstaaten,
dass alle Arzneimittel, die bei Kindern anwendbar sind, in klinischen
Studien erprobt werden müssen.
Kinderärzte fordern Information über etwaige Zulassungsänderungen
Dr. Kornelia Schwendtner ist niedergelassene Kinderärztin in Linz
und sieht sich mit Problemen in der Praxis konfrontiert: "Oft haben
Kinderärzte keine andere Möglichkeit, als Medikamente für Erwachsene
zu verabreichen, die häufig nicht für Kinder zugelassen sind. Wir
Kinderärzte wünschen uns Medikamente, die getestet sind - besser und
sicherer."
Auch Klinische Pharmazeuten wünschen sich klinisch geprüfte
Medikamente für Kinder
Den Blickwinkel der klinischen Pharmazie stellte Mag. Dr. Doris
Haider, MBA Klinische Pharmazeutin im Sozialmedizinischen Zentrum Süd
- Kaiser-Franz-Josef-Spital mit Gottfried von Preyer'schem
Kinderspital, Mitglied der Ethikkommission der Stadt Wien und
Vortragende an der Schule für Kinder- und Jugendlichenpflege am
Allgemeinen Krankenhaus, dar: "Durch meine Erfahrungen weiß ich, dass
Kinder heute schon sehr gut aufgeklärt sind und aktiv Antworten zu
Ihrer Therapie einfordern. Auch deshalb müssen alle an einem Strang
ziehen und entsprechende Maßnahmen setzen."
Politik: Versorgungsdefizit von Kindern
Prim. Dr. Brigitte Povysil, Leiterin der Radiologischen Abteilung
der Frauen und Kinderklinik in Linz sowie Gesundheitssprecherin der
FPÖ im Oberösterreichischen Landtag, stellte dar: "Kinder werden
durch den erschwerten Zugang zu für sie passenden Medikamenten vom
Fortschritt ausgeschlossen." Die als Gesundheitssprecherin der Grünen
im Oberösterreichischen Landtag politisch tätige Ulrike Schwarz
zeigte die Wichtigkeit der Einhaltung ethischer Richtlinien bei der
Forschung auf: "Besonders den Eltern muss aufgezeigt werden, warum
ihre Kinder an derartigen Studien teilnehmen sollen. Es geht weniger
darum, den Zweck der Forschung zu nützen, sondern vielmehr um die
Verbesserung der gesundheitlichen Situation der eigenen Kinder." Dr.
Julia Röper-Kelmayr, Oberärztin für Radiologie am AKH Linz und
Gesundheitssprecherin der SPÖ im Oberösterreichischen Landtag, legte
ihren Fokus auf die verbesserte Versorgung der Kinder durch die
EU-Verordnung. "Das Nebenwirkungsprofil für Kinder unterscheidet sich
oft von dem von Erwachsenen, auch fehlen häufig passende
Darreichungsformen. Ziel der EU-Richtlinie ist es, das
Versorgungsniveau für Kinder zu heben." Prim. Dr. Aichinger Walter
vom Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene und
Gesundheitssprecher der ÖVP meint dazu: "Aus meiner Tätigkeit als
klinischer Mikrobiologe kann ich den Eindruck nur bestätigen, dass
viel zu wenig über die richtigen Dosierungen bei Kindern, im
Speziellen bei Antibiotika, bekannt ist. Überdies werden diese
Medikamente viel zu häufig eingesetzt".
Apothekerschaft: Arzt, Apotheker, Patient müssen zusammenarbeiten
Mag. pharm. Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr von der Steyrtalapotheke in
Neuzeug stellte das so genannte "Dreieck der Versorgung - Arzt,
Apotheker, Patient - dar: "Diese drei Gruppen bilden das Dreieck der
Versorgung. Im Umgang mit Eltern schwerkranker Kinder besteht für uns
Apotheker natürlich ein sehr hoher Bedarf an Beratung und Austausch
mit Ärzten. Probleme bei Medikamenten für Kinder sind die Art der
Verabreichung - beispielsweise zerkleinert - und die
Geschmacksfrage."
Erste Maßnahmen: Schaffen einer Informationsplattform und
individuelle Verpackungsgrößen bei Medikamenten
Prof. Male schlug eine gemeinsame Plattform vor, um alle von
dieser Thematik betroffenen Gruppierungen über Neuigkeiten,
Entscheidungen, Studienergebnisse und Zulassungen zu informieren:
"Ich wünsche mir eine Informationsplattform, beispielsweise eine
Website, die von niedergelassenen Pädiatern, Apothekern, dem
Hauptverband, der Zulassungsbehörde etc. dazu genutzt werden kann,
Informationen zu erhalten und bereitzustellen.." Prim. Dr. Povysil
pflichtete Prof. Male bei und sprach sich dafür aus, die
Öffentlichkeit verstärkt zu informieren. Dr. Mursch-Edlmayr
erläuterte, dass neue Vorgehensweisen von Seiten der Apothekerschaft
bereits bei diversen Indikationen - nicht ausschließlich bei Kindern
- praktiziert wird: "Die individuelle Anfertigung von Medikamenten in
Briefchen- bzw. Kapselform ist für uns Apotheker alltäglich. Dies
vermehrt auch bei Kindermedikation einzusetzen ist durchaus
wünschenswert und möglich." Das endgültige Ziel sei generell,
kindergerechte Zubereitungsformen bereits vom Hersteller zu bekommen,
da die großtechnische Herstellung sicherer und ökonomischer ist, und
diese Zubereitungsformen systematisch geprüft und von der Behörde
zugelassen sind.
Rückfragehinweis:
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