- 14.02.2012, 19:11:45
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die zwei Wahrheiten über Österreichs Rating" Von Ernst Sittinger
Ausgab vom 15.02.2012
Graz (OTS) - Ratingagenturen, nächster Akt: Die Agentur Moody's
hat uns nicht herabgestuft, aber einen "negativen Ausblick"
bescheinigt. Das Damoklesschwert der Bonitäts-Herabstufung (und damit
der tendenziellen Verteuerung unserer Staatsschulden) hängt damit
wieder ein bisschen tiefer.
Die Bürger reagieren je nach Temperament mit Ignoranz, Wut,
Achselzucken, Kopfschütteln oder Phlegma. Man ballt die Faust in der
ohnedies leeren Tasche. Man will sich nicht schon wieder von der
Finanzbranche für blöd verkaufen lassen. Man will im Grunde über
diese Vorgänge nichts mehr hören. Man will seine Ruhe haben.
Das ist verständlich, denn der Vorgang wirkt von außen besehen
beinahe obszön. Während die Regierung via Sparpaket tief in unsere
Taschen greift, ziehen internationale Juroren die Daumenschrauben an.
Trotzdem sollten wir uns den Fakten stellen: Österreich hat 219
Milliarden Euro offizielle Staatsschulden, dazu versteckte Schulden
bei ÖBB, Asfinag und Bundesimmobilien von gut 35, eher 40 Milliarden.
Wir haften für riskante Geschäfte der Banken, wir zahlen in den
Euro-Rettungsschirm, wir schicken rüstige Mittfünfziger in Pension.
Wir leisten uns eine aufgeblähte Verwaltung, ein wunderliches
Bundesheer, überkommene Feudalstrukturen im Gesundheitswesen,
Narrenfreiheit in Landesparlamenten, kostenlose Universitäten und
Sozialtransfers für jedermann.
Damit sind wir bei der ersten von zwei Wahrheiten: Das Sparpaket löst
kaum strukturelle Probleme. Es gilt nach wie vor: Unser Staat ist in
seinem derzeitigen Zustand nicht kostendeckend zu führen.
Es gibt aber auch die andere Wahrheit. Österreich ist noch immer ein
stabiler, demokratischer Rechtsstaat mit einer vitalen
Zivilgesellschaft. Von der freiwilligen Feuerwehr über die
Bergrettung bis zu "Kärntner in Not" gibt es eine
Solidargemeinschaft, die weltweit ihresgleichen sucht. Vielleicht
sind die Österreicher genauso gierig und egoistisch wie die Menschen
anderswo, wenn sie in Pensionsfonds, spekulativen Anlagegeschäften
oder bei knallharten Billigpreisen rücksichtslos nach dem eigenen
Vorteil streben. Aber "nach Dienstschluss" gibt es hierzulande starke
soziale Netze.
Schade, dass Ratingagenturen den politisch-kulturellen Wert einer
besonnenen Zivilgesellschaft nicht in ihre Rechnungen einbeziehen.
Täten sie es - und es wäre hoch an der Zeit, es zu tun -, dann müsste
Österreich um sein Triple-A nicht bangen. Ein Blick ins brennende
Athen beweist, dass Zahlen nie die ganze Wirklichkeit abbilden.****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
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