- 28.01.2012, 18:37:57
- /
- OTS0049 OTW0049
"Kleine Zeitung"-Kommentar: "Abgelaufene Praline" (Von Hubert Patterer)
Ausgabe vom 29.1.2012
Graz (OTS) - Es gibt kein vernünftiges Argument, Frauen
kollektiv früher in die Pension zu schicken.
Es gehört zum Elend der Debatten-Kultur, dass jede Diskussion mit dem
Blei der Ideologie überfrachtet ist und Ideologie hierzulande heißt
immer: Partei-Ideologie. Man argumentiert in Reflexen, ohne je zu
einer gemeinsamen Reflexion zu gelangen. Man prüft nicht, ob ein
Standpunkt klug oder vernünftig ist, man prüft, woher er kommt.
So erschöpft sich jeder Diskurs im fruchtlosen Aufeinanderprallen von
Phrase und Gegenphrase, Reiz und Gegenreiz. Das war so in der Frage,
ob Schulkinder etwas länger beisammen bleiben sollten, und das
erleben wir jetzt, reziprok, beim Vorstoß der ÖVP-Bünde, das
Pensionsalter von Mann und Frau flinker anzugleichen.
Österreich will sich für die Beseitigung der Anomalie _ Männer gehen
gesetzlich mit 65, Frauen mit 60 _ ein Viertel- jahrhundert Zeit
lassen. Das ist rechtlich, frauenpolitisch und budgetär ein
ziemlicher Unfug, auch wenn er in der Verfassung steht. Die alte
Praline der Frauenbewegung hat längst einen üblen Beigeschmack. Man
riecht das Ablaufdatum. Frauenarbeit ist nicht mehr Fron auf
unterster Stufe, die mit einem früheren Ausscheiden aus dem
Erwerbsleben kompensiert werden muss. Die Bildungstempel sind
weiblich, und die Karrieren sind es zunehmend auch. Wo
Ungerechtigkeiten wuchern, bei ungleicher Entlohnung gleicher Arbeit
etwa, gehören sie bekämpft, aber nicht durch das Festhalten an einer
anderen Ungerechtigkeit.
Das Argument von SPÖ und Grünen, raschere Angleichung könne erst
erfolgen, wenn es keine Benachteiligung mehr gebe, ist ein Bumerang.
Es erlaubt den Gestrigen, patriarchalische Reststrukturen mit dem
jovialen Hinweis auf das Pensionsprivileg zu zementieren. Ein
Privileg ist es ohnedies nur, wenn man Arbeit und Beruf als
Beschwerung des Lebens ansieht und nicht als etwas, das ihm Erfüllung
gibt. Viele qualifizierte Frauen erleben das Früher-gehen-Dürfen als
Müssen. Sie gehen im Schnitt mit 57, mitten im Leben stehend. Sie
fühlen sich jung und sehen auch so aus. Sie fragen sich, was
emanzipatorisch daran sein soll, länger zu leben und früher heim zu
müssen. Sie wüssten gerne, warum sie sich bei den Frauensprecherinnen
bedanken sollten, von Karrieresprüngen ab 50 abgeschnitten und in
eine niedrig dotierte frühe Pension befohlen zu werden.
Siebenhundert Millionen würde sich der Staat pro Jahr ersparen. Ein
Teil könnte in die Aufwertung der Erziehungsjahre fließen und in
Betreuungseinrichtungen. Man könnte natürlich auch am ungleichen
Pensionsalter festhalten und auf Tunesien, die Türkei und Usbekistan
verweisen. Die schicken die Frauen auch vorzeitig heim. Sie sagen nur
nicht: den Frauen zuliebe. ****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:redaktion@kleinezeitung.at, http://www.kleinezeitung.at
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PKZ