"Kleine Zeitung" Kommentar: "Im Ölpoker kann sich das Blatt jederzeit wenden" (von Ernst Sittinger)

Ausgabe vom 24.01.2012

Graz (OTS) - Noch ist alles vergleichsweise ruhig an der Erdöl-Front: Das gestern beschlossene Ölembargo der EU gegen den Iran führte auf dem Weltmarkt zunächst nur zu einem geringen Preisanstieg von knapp über einem Prozent. Das muss aber nicht so bleiben. Öl ist ein hochsensibles Handelsgut und Europa ist ein Großverbraucher, der kurz- und mittelfristig keine Energiealternative im Talon hält.

Dass die EU nun dennoch dieses zweischneidige Schwert aus der Scheide zieht, zeigt das Ausmaß der Dringlichkeit und wohl auch der Verzweiflung, mit der der Kampf um die Verhinderung der iranischen Atombombe mittlerweile geführt wird. Trotzdem stehen die Chancen nicht schlecht, das gefährliche Spiel zu gewinnen. Denn von der Ausgangslage her hat der Öllieferant Iran mehr zu verlieren als der Ölkonsument Europa. Die Iraner liefern nämlich knapp 20 Prozent ihrer Exportmenge in die EU, sie verlieren also schlagartig ein Fünftel der Öl-Exporterlöse. Umgekehrt bezieht Europa nur knapp sechs Prozent seiner Importmenge aus den iranischen Ölfeldern.

Das vermeintlich komfortable Pokerblatt kann sich aber rasch wenden. Denn es sind ausgerechnet die wirtschaftlich taumelnden Staaten Griechenland, Italien und Spanien, die innerhalb der EU die Hauptabnehmer des persischen Öls sind. Und je mehr sie taumeln, desto übermächtiger werden ihre politischen Sonderinteressen im Öl- und Atomstreit sein. Die Iraner haben Griechenland mit einem großzügigen Zahlungsaufschub für Öllieferungen gelockt. Griechenland bedankte sich artig, indem es zuerst das Embargo verhindern wollte und dann eine Überprüfung des Embargo-Beschlusses im kommenden April durchsetzte.

Man wird noch viel diplomatisches Geschick auf dem brüchigen EU-Parkett brauchen, um die gesamte Herde hinter der harten Embargo-Linie zu halten. Will man wirklich Druck auf Teheran ausüben, dann muss der gemeinsame Atem der EU länger sein als jener im Nahen Osten. Und zwar auch dann, wenn das Öl wirklich knapp wird oder der Weltmarktpreis - etwa als Folge gezielter Spekulation im Windschatten der Geopolitik - rasant nach oben schießt.

Der Fall zeigt einmal mehr, auf welch tönernen politischen Füßen das westliche Wirtschaftsmodell steht. Alles hängt am Ölfaden, der in den internationalen Verwerfungen jederzeit reißen kann. Wir müssen uns radikal um andere Energieträger bemühen, die ökologisch und politisch sauberer sind als das trügerische "schwarze Gold".****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, redaktion@kleinezeitung.at, http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001