- 20.01.2012, 16:30:00
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Massenvernichtungswaffen"
Ausgabe vom 21. Jänner 2012
Wien (OTS) - Die Verhandlungen um den Schulden-Schnitt
Griechenlands mit seinen privaten Gläubigern hatten einen
unsichtbaren Teilnehmer: Kreditausfallversicherungen, auf Englisch
geschwollen "credit default swaps" (CDS) genannt. Sie wurden als
"Massenvernichtungswaffen" des Kapitalismus definiert, und das sind
sie tatsächlich.
Bei der griechischen Übung ging es bisher nicht nur darum, den
Schuldenstand des Landes auf ein erträgliches Maß zu senken. Es gilt
auch, die "Freiwilligkeit" des Nachlasses festzuzurren. Nur so ist es
möglich, den "Schadensfall" zu verhindern: Geht ein Land aus jedem
anderen Grund pleite, muss der Garantiegeber für den Verlust
gradestehen. Da sich diese CDS aber verselbstständigt haben und auch
zwischen Bankern gehandelt werden, die Griechenland nur vom Urlaub
kennen, wurden sie brandgefährlich.
Bis heute weiß niemand exakt, wie viele griechische
Kreditausfallversicherungen im Umlauf sind. Da ist einmal von 70
Milliarden Euro (netto) die Rede, andere Quellen schätzen 600
Milliarden (brutto). Da ebenso niemand weiß, wer diese Papiere in den
Büchern hat, sind auch die Auswirkungen nicht abzuschätzen, wenn sie
bezahlt werden. Faktum ist, dass aufs spekulative Geschäft
spezialisierte Hedgefonds zuletzt erheblich Griechenland-Anleihen
gekauft haben. Das gibt ihnen ein Mitspracherecht, und sie drohten,
beim Europäischen Menschenrechts-Gerichtshof ein Recht auf Profit
einzuklagen.
Starker Tobak, um nicht zu sagen: Unverschämtheit. Die Manager dieser
Fonds müssen sich maßlose Gier vorwerfen lassen (so sie dies als
Vorwurf verstehen). Die europäischen Politiker müssen sich
Untätigkeit vorwerfen lassen. Seit drei Jahren gelingt es nicht,
diese CDS auf Staatsanleihen zu verbieten. Zuletzt kostete die
Versicherung auf einen Ausfall von 10 Millionen Griechen-Schulden am
CDS-Markt sieben Millionen. Ein tolles Geschäft - solange es nicht
schlagend wird.
Und völlig intransparent, keine einzige Notenbank weiß, wo Probleme
auftauchen würden. Leicht möglich, dass eine große Bank so viele CDS
hat, dass sie im Schadensfall zahlungsunfähig wäre. Diese unter der
Hand getätigten Geschäfte haben weltweit ein Volumen von 52.000
Milliarden Dollar. Bei Griechenland nun machten sie die Lösung noch
komplizierter und kosteten viele Jobs und noch mehr Geld. Sie sollten
verboten werden - je eher, desto besser.
www.wienerzeitung.at/leitartikel
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