Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Massenvernichtungswaffen"

Ausgabe vom 21. Jänner 2012

Wien (OTS) - Die Verhandlungen um den Schulden-Schnitt
Griechenlands mit seinen privaten Gläubigern hatten einen unsichtbaren Teilnehmer: Kreditausfallversicherungen, auf Englisch geschwollen "credit default swaps" (CDS) genannt. Sie wurden als "Massenvernichtungswaffen" des Kapitalismus definiert, und das sind sie tatsächlich.

Bei der griechischen Übung ging es bisher nicht nur darum, den Schuldenstand des Landes auf ein erträgliches Maß zu senken. Es gilt auch, die "Freiwilligkeit" des Nachlasses festzuzurren. Nur so ist es möglich, den "Schadensfall" zu verhindern: Geht ein Land aus jedem anderen Grund pleite, muss der Garantiegeber für den Verlust gradestehen. Da sich diese CDS aber verselbstständigt haben und auch zwischen Bankern gehandelt werden, die Griechenland nur vom Urlaub kennen, wurden sie brandgefährlich.

Bis heute weiß niemand exakt, wie viele griechische Kreditausfallversicherungen im Umlauf sind. Da ist einmal von 70 Milliarden Euro (netto) die Rede, andere Quellen schätzen 600 Milliarden (brutto). Da ebenso niemand weiß, wer diese Papiere in den Büchern hat, sind auch die Auswirkungen nicht abzuschätzen, wenn sie bezahlt werden. Faktum ist, dass aufs spekulative Geschäft spezialisierte Hedgefonds zuletzt erheblich Griechenland-Anleihen gekauft haben. Das gibt ihnen ein Mitspracherecht, und sie drohten, beim Europäischen Menschenrechts-Gerichtshof ein Recht auf Profit einzuklagen.

Starker Tobak, um nicht zu sagen: Unverschämtheit. Die Manager dieser Fonds müssen sich maßlose Gier vorwerfen lassen (so sie dies als Vorwurf verstehen). Die europäischen Politiker müssen sich Untätigkeit vorwerfen lassen. Seit drei Jahren gelingt es nicht, diese CDS auf Staatsanleihen zu verbieten. Zuletzt kostete die Versicherung auf einen Ausfall von 10 Millionen Griechen-Schulden am CDS-Markt sieben Millionen. Ein tolles Geschäft - solange es nicht schlagend wird.

Und völlig intransparent, keine einzige Notenbank weiß, wo Probleme auftauchen würden. Leicht möglich, dass eine große Bank so viele CDS hat, dass sie im Schadensfall zahlungsunfähig wäre. Diese unter der Hand getätigten Geschäfte haben weltweit ein Volumen von 52.000 Milliarden Dollar. Bei Griechenland nun machten sie die Lösung noch komplizierter und kosteten viele Jobs und noch mehr Geld. Sie sollten verboten werden - je eher, desto besser.

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