"Kleine Zeitung" Kommentar: "Youtube oder: Das Ende autistischer Potentaten" (von Frido Hütter)

Ausgabe vom 18.01.2012

Graz (OTS) - Es ist ein Irrwitz: Der (äußerst unprofessionell) erfüllte Berufswunsch eines jungen Mannes stürzt das wesentlichste Medium unseres Landes in die größten Turbulenzen seiner Geschichte. Und weder der junge Mann noch der Direktor des Unternehmens erfassen ihre Tragweite.

Aktueller Höhepunkt: Nachdem ihn schon 1316 Mitarbeiter unterschrieben hatten, sprachen nun 55 Redakteure der Zeit im Bild gemeinsam den Text eines Protestbriefes auf Video und stellten dieses am Montag via Youtube ins Internet. (www.youtube.com, ORF)

Mit ungeheurem Echo: Allein bis gestern Nachmittag, also in rund 30 Stunden, wurde der Beitrag rund 300.000 (!) Mal aufgerufen. Und die Zahl steigt immer noch. Langsam bekommen ORF-General Alexander Wrabetz und sein designierter Büroleiter Niko Pelinka die Aura autistischer Potentaten, die den Volkszorn der Straße für Nebengeräusche halten.

Der Realitätsverlust ist offenbar ansteckend: Dieser Tage forderte der "Presse"-Kolumnist Christian Ortner, man möge doch den "Laden dichtmachen", denn: "Der Beitrag des ORF zur demokratischen Ertüchtigung ist so groß wie der von McDonald's zu Volksgesundheit."

Es scheint, dass eher der Autor einer Dichtung bedürfe. Abgesehen vom Umstand, dass er damit Hunderte großartig arbeitende Kollegen schamlos beleidigt, hat Ortner offenbar weder jemals Ö 1 gehört noch den Report, kreuz & quer, die ZiB etc. pp. gesehen. Und er verwechselt Analyse mit Biertischperspektive. Verheerend, welche Verdunkelung dieser Konflikt in ehedem hellen Köpfen auslöst.

Zurück zu den Protesten: Es sind ja keine Berufsquerulanten, die sich gegen diese SPÖ-gesteuerte Personalie wehren. Nein, es sind Leute, die zu den Bestinformierten dieses Landes zählen und die offenbar auch besser um die Überlebens-Chancen des ORF wissen als dessen Direktor. Den öffentlich-rechtlichen Rundfunk werden weder die Dancing Stars noch der Ö3-Wecker retten, sondern nur seine unverletzte Glaubwürdigkeit.

Wie sehr Wrabetz und Pelinka diese schon aufs Spiel gesetzt haben, ist evident. Sollte die Sache dennoch durchgezogen werden, ist ein Streik der ORF-Journalisten geradezu ein Muss, da sonst auch ihr Protest unglaubwürdig würde.

Wenn Niko Pelinka, aber auch sein Mentor Werner Faymann noch einen Funken Vernunft haben, ziehen sie unverzüglich die Reißleine. Und sie werden das tun. Der Schaden wäre dadurch zwar nicht behoben, aber wenigstens begrenzt.****

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