"OÖNachrichten"-Leitartikel: "Schuld ist nicht der Spiegel", von Wolfgang Braun

Ausgabe vom 16. Jänner 2012

Linz (OTS) - Jetzt ist es also passiert - Österreich hat seine höchste Bonitätsstufe, das Triple-A, verloren. Zusätzlich bitter, dass es mit Standard & Poor's die einflussreichste der drei Ratingagenturen war, die das dritte A aberkannte. Noch bitterer ist die Reaktion, mit der viele heimische Politiker vom Bundeskanzler abwärts die Entscheidung kommentierten: Da wurde Unverständnis zur Schau getragen, da wurde relativiert und sogar gemutmaßt, dass hinter der Herabstufung ein weltpolitisches Ränkespiel stecken könnte. Es war ein leider erwartbarer Reflex. Wir kennen das von der PISA-Studie.
Natürlich sind die Rating-Agenturen nicht das absolut objektive Maß aller Dinge. Natürlich haben auch sie schon schwer gefehlt - man denke an die Top-Noten für die US-Bank Lehman Brothers, kurze Zeit bevor diese 2008 spektakulär pleiteging und eine weltweite Finanzkrise befeuerte.
Aber im aktuellen Fall ist es fahrlässig, sich auf den Boten einzuschießen, der die schlechte Nachricht überbracht hat. Standard & Poor's hat ein Urteil gefällt, das die meisten Wirtschaftsexperten im In- und Ausland nicht anders erwartet haben. Ein Land wie Österreich, in dem es zur Folklore gehört, dass das durchschnittliche Pensionsantrittsalter bei rund 58 Jahren liegt, ein Land, in dem die Politik so beharrlich Reformen vor sich herschiebt und ein Land, dessen Banken in beträchtlichem Ausmaß in osteuropäischen Risikoländern engagiert sind, musste damit rechnen, dass die Top-Bonität irgendwann nicht mehr zu halten sein würde. Österreich liegt bei den meisten internationalen Vergleichskriterien im Spitzenfeld. Die Voraussetzungen, den Verlust des Triple-A zu einer einmaligen Episode zu machen, sind also da. Die Rezepte sind seit Jahren bekannt, komprimiert zusammengefasst in den Berichten des Rechnungshofs. Voraussetzung für eine Wiedererlangung der Top-Bonität ist aber, dass die Politik in Bund und Ländern akzeptiert, dass der Spiegel, den uns Standard & Poor's vorhält, kein Zerrbild zeigt, sondern die Realität.

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