• 08.01.2012, 19:51:23
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Kleine Zeitung-Kommentar: "Streit über Bikinis wird Ägypten nicht retten." (Von Martin Gehlen)

Ausgabe vom 9.1.2012

Graz (OTS) - Auch Muslimbrüder brauchen Impulse für Wirtschaft.

Sechs Wochen lang feierte die Demokratie am Nil Premiere. Über 35
Millionen Menschen standen in drei Etappen friedlich vor den
Wahllokalen an und genossen die erste authentische demokratische
Erfahrung ihres Lebens. Und rund zwei Drittel machten ihre Kreuzchen
am Ende bei islamistischen Parteien. Die Muslimbrüder liegen mit
Abstand vorne, gefolgt von den überraschend starken Salafisten. Die
säkularen Bündnisse dagegen landeten abgeschlagen auf dem dritten und
vierten Platz. Die Heerscharen von Klein- und Kleinstparteien der
jungen Revolutionäre fallen kaum noch ins Gewicht. Und so sieht alles
danach aus, dass das ägyptische Volk seinem Land am Ende eine
Machtverteilung verordnen wird, in der viel Sprengstoff steckt.

Die größte Aufmerksamkeit ziehen die bärtigen Senkrechtstarter der
Salafisten auf sich. Sie präsentierten sich fast schon wie Allahs
Piratenpartei, was bei den Wählern am Nil jedenfalls gut ankommt.
Keine Ahnung von Politik, stattdessen kreisen ihre frommen Parolen um
drei einfache Themen - weg mit dem Alkohol, weg mit den Bikinis und
weg mit unverschleierten weiblichen Frisuren. Mit diesen Eiferern als
zweitstärkste politische Kraft steht Ägypten bei der kommenden
Regierungsbildung vor einer fundamentalen Richtungsentscheidung.
Formen die siegreichen Muslimbrüder mit den Ultrafrommen einen
islamistischen Block? Oder orientieren sich die Muslimbrüder
langfristig zur moderaten Mitte und suchen das politische Bündnis mit
säkularen Kräften?

Für Unkenrufe ist es zu früh. Denn bisher spricht wenig dafür, dass
die Muslimbrüder einen islamistischen Durchmarsch im Auge haben. Ihre
Führung weiß genau, dass sich mit Debatten über Kopftuch oder
Strandmoral die komplexen und bedrohlichen Probleme Ägyptens nicht
werden lösen lassen. Viele im Wahlkampf mit kantiger Entschiedenheit
vorgetragene Forderungen verschwinden im Regierungsalltag schnell vom
Tisch, wenn Touristen und ausländische Investoren weiter wegbleiben
und die Staatsschulden weiter so rasant steigen.

Politische Lorbeeren lassen sich in den nächsten Jahren kaum ernten.
Jede Regierung wird voll damit beschäftigt sein, die
85-Millionen-Nation auf den Beinen zu halten. Der islamistische Druck
auf Alltagsleben und Alltagskultur aber wird steigen. Der Kampf um
die neuen Leitbilder an Schulen und Universitäten hat bereits
begonnen. Und Ägypten wird sein Gesicht verändern - auch wenn es in
der Substanz moderat, tolerant und pragmatisch bleibt. ***

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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